Angekommen im Kosmos Hohenschäftlarn

Als man vor gut drei Jahren bei BISS erfuhr, dass ein Hohenschäftlarner dem Verein BISS sein Haus vererbt hat, war die Überraschung und die Freude groß. Niemand hatte den Erblasser Josef Fencl gekannt. Er wollte offenbar Menschen, die nicht so viel Glück gehabt hatten, ein Dach über dem Kopf geben. Fencl selbst musste mit 14 Jahren aus Tschechien fliehen und wusste vermutlich was es heißt, keine Wohnung zu haben. Später baute er als gelernter Maurer das Haus in Hohenschäftlarn für sich, seine Frau und seine behinderte Tochter. Frau und Tochter starben vor ihm, so dass er keine unmittelbaren Nachkommen hatte, als er Ende 2016 mit 85 Jahren starb. Nachdem die Formalitäten geregelt waren, zogen zwei obdachlose BISS-Verkäufer ein. Gleichzeitig wurde das Haus saniert, um noch mehr Leuten Platz zu bieten. Mitte August bezog die neunköpfige Familie Kadri aus Nigeria das obere Stockwerk. Seitdem hat Hohenschäftlarn mitten am Kirchberg elf neue Bewohner*innen.

von Gabriele Winter Angekommen im Kosmos Hohenschäftlarn

Karin Lohr, Geschäftsführerin von BISS

„Wir waren sehr glücklich, dass Herr Fencl so an uns gedacht hat und uns sein Haus vermacht hat. Denn das ist ja eines unserer Hauptanliegen, günstigen Wohnraum zu finden und zur Verfügung zu stellen. Es geht dabei um Solidarität für Leute, die sonst keine Chance haben, auf dem freien Markt etwas zu finden, wie zum Beispiel unsere beiden ehemals obdachlosen BISS-Verkäufer Udo Güldner und Mihai Tajcs. Und auch die Kadris wohnten ja sehr beengt mit ihren sieben Kindern jahrelang in einer Flüchtlingsunterkunft in Höhenkirchen, obwohl sie bereits anerkannt waren und längst hätten ausziehen können. Seit August leben sie nun in Hohenschäftlarn und alle sagen, es läuft super.

Zum Gelingen des Projekts haben aber auch eine ganze Menge Leute beigetragen – angefangen vom Architekten über die Bewohner bis hin zu den Handwerkern und nicht zuletzt Herrn Rubic, der dreimal die Woche nach Hohenschäftlarn fährt, sich um den Garten kümmert und nach dem Rechten sieht. Auch die Nachbarn haben die elf neuen Bewohner am Kirchberg herzlich aufgenommen. Man grüßt einander auf der Straße und hält ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Ich denke, wenn Herr Fencl runterschauen würde, würde er sich freuen, weil es so geworden ist, wie er sich das vermutlich vorgestellt hat.“

 

Die Nachbarn

Hohenschäftlarn ist eine kleine Gemeinde mit 5800 Einwohnern in der man sich kennt. Das Ehepaar Arnold, oberhalb des Fencl-Hauses freut sich, „dass sich wieder was rührt“, seit die neuen Bewohner da sind. Auch wenn es insgesamt „ruhiger zugeht als beim Fencl“, meint Regina Schmid, die mit ihrem Mann den Bauernhof auf der anderen Straßenseite führt. „Die Kinder sind sehr gut erzogen und man hört wenig, ganz anders als beim Fencl Sepp, der bei Ernst Mosch und seinen Original Egerländer Musikanten die volle Lautstärke aufdrehte. Eigentlich machen die elf neuen Bewohner weniger Lärm als vorher einer allein!“, lacht Frau Schmid und erzählt, wie die älteste Tochter der Familie Kadri kürzlich klingelte um nach den Zeiten der Müllabfuhr zu fragen. Als hinter Frau Schmid die Katze zum Vorschein kam, machte das Mädchen erschrocken einen Satz zurück. „Ans Landleben müssen sich die Kinder wahrscheinlich noch gewöhnen“, meint Regina Schmid. Erste Kontakte zu den Schmids wurden auch von Herrn Rubic bereits geknüpft. Er kauft dort regelmäßig Milch und Eier. Mit Josef Arnold und seinen Kollegen vom Heimathaus ist Savinko Rubic schon sehr vertraut. In dem kleinen Heimatmuseum hat man die Ausgaben des BISS-Magazins, die mit dem Fencl-Haus in Verbindung stehen bereits im Archiv. Das Heimathaus aus dem Jahr 1492 liegt nur drei Minuten vom Fencl-Haus entfernt und wird von einer sechsköpfigen Arbeitsgruppe um Josef Arnold und Gerd Zattler betreut. Hierher kommen oft Schulklassen aus der Umgebung und schauen sich das bäuerliche Leben der vergangenen Jahrhunderte an.

 

 

Der Bürgermeister

 

Brauchtum wird in Hohenschäftlarn immer noch groß geschrieben – auch wenn „es leider kein Wirtshaus mehr gibt“, sagt Bürgermeister Christian Fürst von der CSU. Dafür existiert ein reges Vereinsleben. Neben der Freiwilligen Feuerwehr gibt es gibt zum Beispiel den Sportverein, indem auch schon einer der Kadri-Jungen Mitglied ist, und den Burschenverein, der sich um den Maibaum kümmert. Normalerweise steht der vor dem Fencl-Haus, aber Corona-bedingt konnte er dieses Jahr nicht aufgestellt werden. Fencl selbst war Mitglied im Trachtenverein und liebte Blasmusik, wovon seine ehemaligen Nachbarn ein Lied singen können. Persönlich hatten Bürgermeister Fürst und Josef Fencl, der eingefleischter Sozialdemokrat war, nichts miteinander zu tun, aber Fürst findet, dass sei „ja noch mal was anderes, wenn ganz andere Bewohner wie Familie Kadri oder Herr Güldner mit seinem stattlichen Bart in den Ortskern ziehen.“ „Ich finde eine soziale Nutzung eines Hauses im Ortskern sehr charmant“, sagt Fürst. Bezahlbarer Wohnraum ist auch in Hohenschäftlarn ein großes Thema. Die Gemeinde möchte nicht, dass die Jungen abwandern und baut vor allem für finanziell schwächere Menschen Wohnungen – „aber in Maßen, denn wir wollen nicht übermäßig wachsen. Die Infrastruktur wächst ja nicht mit, wir haben jetzt schon zu viel Verkehr, hinzu kommen Kindergärten, Schulen, Kläranlagen etc.“. Fürst legt Wert auf sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde und kann dabei auf die Tafel und das Familienzentrum zählen. Dort kümmert man sich um die Belange aller, vom Baby bis zu den Senior*innen. Ein weiterer Schwerpunkt, den Christian Fürst sich für seine Amtszeit gesetzt hat, ist die Wiederbelebung von Plätzen und Einkaufsmöglichkeiten. Damit erhört er die Gebete von BISS-Verkäufer Udo Güldner, der sehr gerne mehr vor Ort einkaufen würde.

Die Bewohner

 

Udo Güldner ist eigentlich ein Stadtmensch. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in München und Dresden, wo er herkommt. Einige Jahre davon auch auf der Straße, denn als Güldners Freundin starb, verlor er nicht nur den Boden unter den Füßen, sondern auch das Dach über dem Kopf. „Meine Freundin hatte sich immer um den ganzen Papierkram gekümmert“. So bekam Güldner erst von der Kündigung seiner Wohnung mit, als es schon zu spät war. Einige Jahre schlief der festangestellte BISS-Verkäufer hauptsächlich am Bahnhof. Als BISS-Sozialarbeiter Johannes Denninger mit ihm das Fencl-Haus besichtigte, griff er sofort zu, obwohl sein neues Domizil über eine Stunde von Güldners Verkaufs-Standort Trudering entfernt liegt. Inzwischen hat er sich ans Landleben gewöhnt und baut sogar Tomaten an. „Das einzige was mich schockiert hat, war im Januar 2019 der viele Schnee. Da musste ich mich förmlich ins Haus buddeln. Und die S-Bahn fiel schon auch manchmal aus.“ Güldner bewohnt mit seinem BISS-Kollegen Mihai Tajcs das Souterrain des ehemaligen Fencl-Hauses. Die beiden sehen sich nicht so oft, weil Güldner meist noch schläft, wenn Tajcs das Haus Richtung München verlässt. Güldners Bio-Rhythmus ist nicht immer Handwerker-kompatibel und er wurde während der Umbau-Arbeiten „schon öfter mal von der Bohrmaschine geweckt“. „Mein Rhythmus ist manchmal auch ein Problem fürs Einkaufen, weil ich erst um neun Uhr abends zurückkomme und die Geschäfte auf dem Weg dann auch nicht mehr aufhaben und wenn ich vorher gehe, müsste ich ja zweimal den Berg rauf und runter.“ Deshalb wünscht Udo Güldner sich einen fahrbaren Untersatz – möglichst mit Benzin betrieben.

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