Tiergestützte Therapie

BISS-Magazin September 2016

Therapeut auf vier Beinen – Tiergestützte Therapie

Ramses trabt nicht. Gefühlte zehnmal hat er meinen Befehl „Tirapp“ geflissentlich ignoriert. Ich probiere es mal mit der Anweisung „Pommes frites“. Bei Martin Pröttel, der mit pferdgestützter Therapie arbeitet, hat das funktioniert. Er hat mir erklärt, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was man sagt, sondern welche Entschlossenheit man reinlegt. Etwas verkrampft stehe ich in der Reithalle eines Vaterstettener Pferdehofes, in der linken Hand die Longe, an deren Ende Ramses gemütlich im Kreis geht. In der anderen Hand eine Longierpeitsche, die aussieht wie ein etwas dickerer Faden an einem Stäbchen. „Die ist nur symbolisch“, denke ich und bewege kräftig meinen rechten Arm. Es schnalzt, Ramses und ich erschrecken beide. Doch nicht nur symbolisch! „Oje, hab ich ihn jetzt getroffen?!“ Schlechtes Gewissen macht sich schlagartig breit. Martin Pröttel beruhigt mich: „Das ist schon in Ordnung. Nehmen Sie den Druck raus und konzentrieren Sie sich.“ Ich versuche mich zu sammeln, kündige Ramses an, dass es nach einer halben Runde losgeht mit traben. Noch mal „Tirapp“! Und tatsächlich, er trabt.

Selbstwirksamkeit ist eine der Kompetenzen, die Martin Pröttel seinen Patienten in der tiergestützten Therapie vermitteln will. Und dafür sind Pferde seiner Meinung nach ideal, denn sie „lieben es, die Verantwortung für ihr Pferdeleben abzugeben“. Allerdings müssen sich diejenigen auch als würdig erweisen. Das heißt im konkreten Fall, erst muss ich eine Beziehung zum Pferd aufbauen. Dann muss ich mir über mein Ziel klarwerden und dem Pferd durch Körpersprache und Stimme vermitteln, was ich will. Was bei mir und so manchem Manager mit Führungsdefiziten funktioniert, vermittelt Martin Pröttel auch Menschen mit schwerwiegenderen Problemen. Viele seiner Patienten leiden an Depressionen, Essstörungen oder Traumata durch Einsätze in Kriegsgebieten. Oft haben sie den Boden unter den Füßen verloren. Mit Hilfe von Ramses lernen sie, die Zügel für ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Wenn der Arzt Johannes Demuth seinen Therapie-Hund Kaba ins Altersheim mitbringt, geht es ihm und den Patienten meist um etwas anderes: sie freuen sich auf den Kontakt mit Kaba, auf die Abwechslung im Heimalltag und auf ein Wesen, das sie nicht beurteilt. Ich darf Dr. Demuth zu zwei Patientenbesuchen ins Heim der Inneren Mission nach Planegg begleiten. Als erstes schauen wir bei Frau Meinfeld* im zweiten Stock vorbei. Schmal sitzt sie im Rollstuhl und strahlt, als sie Kaba sieht. An den Wänden hängen Bilder von Hunden und Katzen. Auf dem Bett sitzt ein Plüschhund. Kaba kuckt Frau Meinfeld erwartungsvoll an und sie reagiert gleich und kramt ein Leckerli aus Johannes Demuths mitgebrachter Tüte. Kaba würde jetzt sicher gerne mit dem Schwanz wedeln, wenn er noch einen hätte. Doch auch in Kabas Leben lief nicht alles optimal: Der Mischling kam aus Ungarn in ein bayerisches Tierheim. Durch eine Hauterkrankung hatte er fast sein ganzes Fell verloren. Die Mitarbeiter pflegten ihn gesund, irgendwann landete er bei der Familie Demuth. Schnell stellte sich heraus, dass Kaba sich gut als Therapiehund eignen würde – denn er war von Anfang an sehr gelehrig, ausgeglichen und feinfühlig. Und so absolvierte Johannes Demuth mit Kaba eine einjährige Ausbildung. Was beide dabei gelernt haben, ist, dass diese Aufgabe vor allem für die Hunde enorm anstrengend ist. Schon nach dem zweiten Krankenbesuch, diesmal bei Frau Forstner, wirkt Kaba müde. Dabei sieht alles so einfach aus: Kaba lässt sich von Frau Forstner in den Arm nehmen und streicheln. Die alte Frau taut immer mehr auf und erzählt von ihrem Hund Lumpi, der schon lange tot ist, und von ihrer Tochter. Dann streitet sie halb scherzhaft mit Dr. Demuth über die tägliche Trinkmenge und plaudert noch ein wenig, immer in Körperkontakt mit Kaba. Der Hund wirkt wie ein Eisbrecher, durch den die Patientin auch ihrem Arzt gegenüber aufgeschlossener reagiert. Als wir Fr. Forstners Zimmer verlassen, erzählt mir Johannes Demuth von einem seiner Schlaganfallpatienten, der durch das Streicheln von Kaba gelernt hat, seine Hand wieder zu benutzen. Der Arzt spricht von „neuronalen Brücken“, die sich beim Kontakt mit dem Hund gebildet haben.

Solche Fälle kann auch die Demenzhelferin und Hundetrainerin Anne Steincke bestätigen. Mit ihrem Hund Emil besucht sie alle zwei Wochen eine Multiple-Sklerose-Gruppe im Pasinger Alfons-Hoffmann-Haus. Etwa sechs bis acht Männer und Frauen freuen sich jedes Mal auf das Spielen mit Emil und auf das Erfolgserlebnis, wenn sie ein Geschicklichkeitsspiel zusammen mit Emil meistern, das sie alleine lange nicht mehr geschafft haben. Die MS-Patienten Tim Weber und Barbara Körper-Klauser sitzen beide im Rollstuhl und haben Emil in ihre Mitte genommen. Gemeinsam stecken sie Leckerlis in eine Plastikflasche, aus der sie Emil wieder rausholen muss. Das ist eine feinmotorisch sehr anspruchsvolle Übung, doch sie gelingt. Es macht Spaß den dreien zuzuschauen, wie sie von Minute zu Minute gelöster und entspannter werden und die Bewegungen immer runder wirken. Tim Weber und Barbara Körper-Klausner fällt das Sprechen schwer – doch Emil reagiert auch ohne Worte.

Tiergestützte Therapie kommt häufig als Ergänzung zu anderen Therapien zum Einsatz. Die Tiere durchlaufen, wenn möglich, eine mehr oder weniger intensive Ausbildung. Gerade bei Hunden ist das sehr wichtig, damit sie nicht beißen, wenn sie sich gestresst oder angegriffen fühlen. Auch muss der begleitende Therapeut darauf achten, dass Tiere nicht instrumentalisiert, ausgebeutet oder überfordert werden. Hunde und Pferde werden zwar am häufigsten als tierische Therapeuten eingesetzt, aber auch Delfine, Kaninchen oder sogar Schnecken können therapeutische Wirkung haben, wobei viele Therapeuten den Einsatz von Wildtieren, zu denen auch Delfine zählen, ablehnen.

Die heilende Wirkung von Tieren ist keine Erkenntnis aus der Gegenwart. Schon Hildegard von Bingen war der Meinung: „Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund“. Und tatsächlich belegen viele Studien die positive Wirkung von Hunden auf den Menschen. Der Kontakt zu Vierbeinern kann unter anderem zur Senkung der Herzfrequenz und des Blutdrucks, zur Förderung von positivem Selbstwert zu Stressreduktion und Angstlösung und zur Steigerung des positiven Sozialverhaltens führen.

Im professionellen Zusammenhang können Tiere aber immer nur als Co-Therapeuten zum Einsatz kommen. Je nach Krankheit unterscheidet man zwischen tiergestützten Fördermaßnahmen, die auch von geschulten Laien durchgeführt werden können (z.B. Hundebesuchsdienst für ältere Menschen), tiergestützter Pädagogik, die zum Beispiel bei Lernschwierigkeiten angewendet wird, oder tiergestützter Therapie. Letztere darf nur von ausgebildeten Therapeuten oder Ärzten mit entsprechender Zusatzqualifikation angeboten werden.

Bei Dr. Demuth mischen sich die Kategorien etwas.  Zwar hat der Arzt die entsprechende Zusatzausbildung, doch zu den Besuchen im Altersheim kommt Kaba sozusagen ehrenamtlich mit. Während der Therapiehund-Ausbildung hat Johannes Demuth die Grenzen seines Hundes genau kennengelernt. Unter anderem besuchte er auch eine Einrichtung für ADHS-Kinder. Diese Arbeit war für Kaba sehr kräftezehrend. Und obwohl das eine wichtiger Aufgabenbereich von Therapiehunden ist, war schnell klar, dass speziell Kaba besser mit alten Menschen zurechtkommt.

Die Hibbeligkeit oder auch die Ängste der ADHS-Kinder nimmt ein Therapiehund wahr, kann sie zum Teil aber umlenken und ins Positive kehren. Den Kindern mit Lernschwierigkeiten fällt es zum Beispiel leichter, sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren, wenn ein Therapie-Hund nur neben ihrem Schreibtisch liegt. Sie fühlen sich nicht mehr allein und wissen auch, dass der Hund sie nicht beurteilt. Im Gegenteil: der Hund strahlt Bewunderung und Zuwendung für den Menschen aus und stärkt dadurch das Selbstbewusstsein. Tier und Mensch fungieren so als Sozialpartner, die sich bereichern. Denn Hunde oder Pferde wollen sich in der Regel den Menschen unterordnen und sie Darüber hinaus sind Tiere unvoreingenommen, sie kümmern sich nicht um körperliche oder seelische Makel. Sie nehmen eine Person so an, wie sie eben ist.

Natürlich kann eine tiergestützte Therapie nur angewandt werden, wenn die Patienten nicht allergisch gegen das Fell des jeweiligen Tieres sind und auch Lust auf den Umgang mit Tieren haben. Bei Martin Pröttel nehmen die Patienten die Stärke, die sie aus der Arbeit mit den Pferden gewonnen haben, in den Alltag mit. Dabei kann es sowohl um eine Stärkung des Bewegungsapparats gehen, wie sie zum Beispiel bei der Hippotherapie erfolgt, als auch um die psychische Stärkung, die ein Mensch erfährt, wenn er das Pferd dazu gebracht hat, etwas zu tun. Pröttel bedauert, dass nur so wenige Krankenkassen die Kosten einer tiergestützten Therapie übernehmen. Deshalb ist sein zweites Standbein das pferdgestützte Coaching in das auch ich mit Ramses reinschnuppern durfte.

Zwei Wochen nach dem Besuch bei Herrn Pröttel bekomme ich Gelegenheit, meine neu gewonnen Führungsqualitäten auszuprobieren: mit meiner Familie auf einem Ponyhof bei Landsberg. Meine jüngere Tochter will auf Ponydame Hope einen halbstündigen Spaziergang durch Wald und Wiesen machen. Und ich soll sie führen. Die Pferdewirtin gibt mir noch mit auf den Weg, ich soll das Pony nicht grasen lassen. Beherzt marschieren wir los, vorbei an verzweifelten Müttern und Vätern, die an gefräßigen Ponys zerren. Später, zurück beim Stall, sagt meine Schwiegermutter anerkennend: „Bei euch sah das so leicht aus. Viele mussten sich ja ganz schön abmühen.“ Wenn sie wüsste, wieviel ich noch vor zwei Wochen geschwitzt habe.

 

* Name geändert