Odyssee des Grauens – Frauen auf der Flucht

Zwischen 45 und  56 Millionen Menschen sind nach Schätzungen von Amnesty International und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR derzeit auf der Flucht. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Frauen und Mädchen. Sie sind aus Ländern wie Syrien, Somalia und Afghanistan und fliehen vor Krieg, Gewalt, religiöser und rassistischer Verfolgung. Aber auch aus frauenspezifischen Fluchtgründen wie Vergewaltigung, Gewalt in der Familie, Zwangsehe oder Genitalverstümmelung. Nur die wenigsten von ihnen kommenn Europa an. 75 % der Flüchtlinge in Europa sind Männer. Ihre Familien kratzen für sie alles Geld zusammen, um Schlepper für die Überfahrt nach Europa zu bezahlen. Für die Frauen und Kinder ist meist kein Geld mehr übrig. Sie schaffen es nur in die Flüchtlingslager von Nachbarländern wie Jordanien, Türkei und Libanon, wo ihnen aufs Neue Vergewaltigungen und Hunger drohen, denn dort fehlt ihnen oft der Schutz von Ehemännern, Vätern oder Brüdern und sie werden noch leichter zu sexueller Beute. Erreichen Frauen dennoch die Festung Europa, bedeutet es nicht, dass sie dadurch sicher sind. In Gemeinschaftsunterkünften sind vor allem alleinstehende Frauen erneut verschiedensten Belästigungen ausgesetzt.

Drei Geschichten von Frauen, die auf der Flucht waren – und zum Teil immer noch sind.

Roya Hassan Abadi, aus dem Iran

Roya Hassan Abadi

„Ich hatte nie vor, zu fliehen“

„Ich hatte im Iran ein gutes Leben. Ich habe im Gymnasium als Physiklehrerin gearbeitet, das hat mir großen Spaß gemacht. Außerdem war ich verheiratet und hatte einen dreijährigen Sohn. Ich hatte nie vor, aus dem Iran zu fliehen. 2009 bin ich nach Deutschland geflogen, um meinen Bruder zu besuchen, als Touristin, nicht als Flüchtling. Mein Bruder war politisch aktiv und hatte den Iran schon vor langer Zeit verlassen. Ich hatte ihn 15 Jahre nicht gesehen, denn im Iran ist es nicht so einfach, ein Visum zu bekommen. Bei meinem Bruder in Augsburg, habe ich jeden Tag zuhause angerufen, doch plötzlich habe ich meinen Mann nicht mehr erreicht und mir große Sorgen gemacht. Ich habe die Nachbarn und seine Arbeitskollegen angerufen. Aber keiner wusste etwas. Erst meine Eltern sagten mir, dass mein Mann verhaftet worden ist und mein Sohn jetzt bei ihnen ist. Unsere Wohnung war durchsucht worden und die Computer hatten sie mitgenommen. Meine Eltern waren sehr wütend auf mich und haben mir vorgeworfen, alle ins Unglück gestürzt zu haben, weil ich immer alles hinterfragen musste. Ich hatte mit meinen älteren Schülerinnen über die Widersprüche zwischen Religion und Wissenschaft gesprochen, über Frauenrechte und wir haben auch Bücher von verbotenen iranischen Wissenschaftlern gelesen. Ein Freund hatte mir per email Kopien davon aus dem Ausland geschickt. Inzwischen tut es mir total leid, dass ich meine Schülerinnen so in Gefahr gebracht habe. Mein Mann war dreieinhalb Monate im Gefängnis, obwohl er überhaupt nichts von meinen Aktivitäten wusste. Er hat sich weder für Politik noch für Religion interessiert. Als er dann entlassen wurde, hat er unseren Sohn zu seinen Eltern gebracht und mir verboten mit ihm zu telefonieren. Bald darauf hat er sich dann auch von mir scheiden lassen. Wenn Männer sich im Iran von ihren Frauen scheiden lassen wollen, geht das sehr schnell. Umgekehrt ist das nicht so einfach. Die Kinder dürfen in der Regel nach einer Scheidung beim Mann bleiben und werden nur dann der Frau zugesprochen, wenn der Vater drogensüchtig, gewalttätig oder so etwas in der Richtung ist. In Deutschland habe ich gleich, als ich damals von seiner Verhaftung erfuhr, einen Anwalt eingeschaltet. Der fand heraus, dass gegen mich ein Haftbefehl vorliegt, weil ich gegen islamisches Recht verstoßen habe. Im Iran darf man weder Gott noch den Koran infrage stellen, sonst kann es passieren, dass man für lange im Gefängnis landet, manchmal droht einem sogar die Todesstrafe. Ich habe dann hier Asyl beantragt und war im Erstaufnahmelager Zirndorf. Mein Asylantrag wurde schließlich anerkannt und ich konnte hier noch einmal Physik studieren, denn mit meinem Uni-Abschluss aus dem Iran durfte ich hier nicht als Physiklehrerin arbeiten. Dieses Jahr mache ich meinen Master und überlege, danach zu promovieren. Seit kurzem kann ich auch wieder mit meinem Sohn telefonieren, denn mein Ex-Mann hat mir allmählich „verziehen“.

Protokoll 2: Ebere, 29, (Name geändert) aus Nigeria

„Die Männer verkaufen Drogen und Frauen verkaufen sich“

„Mein Vater starb als ich fünf Jahre alt, und wenig später starb auch meine Mutter. Mein Bruder und ich mussten deshalb aus Lagos weg aufs Dorf zu Verwandten meines Vaters. Denen waren wir eher lästig. Mein Bruder wurde Soldat in der nigerianischen Armee. 2003 wurde er bei Gefechten mit Rebellen erschossen. Plötzlich war ich ganz allein. Ohne männlichen Schutz. Ich hielt mich mehr schlecht als recht mit dem Verkauf von Obst über Wasser. Als ich eines Tages von der Arbeit nach Hause ging, wurde ich von vier Männern angegriffen und vergewaltigt. Bald darauf stellte sich heraus, dass ich schwanger war. Es gibt eine Tradition bei meinem Volk, den Igbo: wenn ein Mädchen zum ersten Mal seine Menstruation bekommt, wird sie von Mutter und Vater umsorgt und nackt durchs Dorf geführt. Dann muss sie nackt zu einem Fluss laufen und Wasser holen. Erst nach diesem Ritual darf sie schwanger werden. Als Waise hatte ich diese Tradition nicht durchlaufen und durfte kein Kind bekommen. Deshalb stürzten sich die Leute im Dorf auf mich, schlugen mich mit Besenstielen und jagten mich fort. Ich floh Richtung Norden und verlor das Baby. Tagsüber marschierte ich, nachts schlief ich hauptsächlich in Kirchen, einer der wenigen Plätze an denen ich mich sicher fühlte. In einer Kirche sprach mich eine Frau an und bot mir an, dass ich bei ihr bleiben und Obst zu verkaufen könnte. Das machte ich vier Jahre lang und hatte ein in der Zeit ein ruhigeres Leben. Bis ich eines Tages nach der Arbeit zu ihrem Haus kam und es brannte. Die islamistische Boko Haram hatte das Haus meiner christlichen Freundin angezündet und die ganze Familie umgebracht. Ich hatte Glück, dass ich nicht da war. Aber jetzt hatte ich wieder keine Bleibe mehr und Angst, dass mich die Boko Haram auch umbringt. Zu Fuß floh ich in den Niger. Dort lernte ich eine Geschäftsfrau kennen, die mir sagte, ich könnte bei ihr in Libyen in einem Supermarkt arbeiten. Ich freute mich und schöpfte neue Hoffnung. Zusammen mit vier anderen Mädchen durchquerten wir die Wüste, mit wenig Wasser und Essen. Zwei der Mädchen starben. In Libyen entpuppte sich die Geschäftsfrau als Puffmutter. Ich wurde eingesperrt und zur Prostitution gezwungen. Sie schlug mich ständig und verletzte mich mit Messern. Noch heute sieht man die Narben. Durch Zufall gelang mir nach ein paar Monaten die Flucht und ich zeigte die Frau bei der Polizei an. Überraschenderweise kam sie ins Gefängnis, nur leider nicht für lange, denn nach dem Sturz Gaddafis gab es eine Amnestie. Die Bordellbesitzerin wurde freigelassen und setzte Männer auf mich an, die mich umbringen sollten. Ich hatte Todesangst, heuerte beim nächstbesten Schlepper an – ohne zu wissen, wohin er überhaupt fährt. Das Boot sank noch in Küstennähe und ich sah Männer, Frauen und Kinder zu Dutzenden ertrinken. Zum Teil sogar mit Schwimmweste. Ich hatte keine, aber irgendwie schaffte ich es ans Ufer, obwohl ich nicht schwimmen kann. Beim zweiten Versuch landete ich in Lampedusa. In Italien ging ich wieder anschaffen, denn sonst gibt es für die weiblichen Flüchtlinge dort keine Möglichkeit zu überleben. Die Männer verkaufen Drogen und Frauen verkaufen sich. Den einzigen Trost fand ich wieder in der Kirche. Ich habe in Italien in einem Gospelchor gesungen und lebte bei einem Landsmann aus Nigeria. Als ich schwanger wurde, warf er mich raus, weil ich das Kind unbedingt behalten wollte. Ich floh nach Deutschland und landete in der Bayernkaserne und dann am Tegernsee, erst in einer Sammelunterkunft und seit kurzem in einer kleinen Wohnung. Meine kleine Tochter ist jetzt acht Monate und mein ganzer Stolz. Ich hoffe, dass mein Asylantrag bald anerkannt wird und ich dann eine Ausbildung als Köchin beginnen kann.

 

In Deutschland angekommen

Protokoll, Rasijat Majrkaeva (45) aus Tschetschenien

„Alleinstehende Frauen sind Freiwild“

„Die meisten Deutschen nennen mich Rosa, weil mein Name für viele so schwer auszusprechen ist. Als ich vor vier Jahren in einem Lager in Nürnberg ankam, war ich schockiert, weil alles voller Tschetschenen war. Die Leute, vor denen ich eigentlich weggelaufen bin. Zwar bin ich selbst zu einem Teil Tschetschenin – eigentlich komme ich aus Dagestan – aber die ganzen Beleidigungen und Nachstellungen, die ich in Tschetschenien erlitten hatte, weil ich alleinstehend mit Kind bin, gingen hier im Lager weiter. Ich bin Muslimin und liebe meinen Glauben, aber ich liebe auch meine Freiheit. Ich will nicht, dass mir jemand sagt, was ich anziehen soll und was ich tun soll. Vor allem die Männer im Lager sagten ständig, ich dürfe als Muslimin nicht in Hosen und mit kurzen Ärmeln rumlaufen. Sie behandelten mich wie eine Prostituierte und mein Sohn wurde als „Kind einer Hure“ beschimpft.

Ich hatte in Tschetschenien eine 1-Zimmer-Wohnung und einen kleinen Spirituosen-Laden. Als mein Sohn größer wurde, verkaufte ich meine Wohnung und kaufte eine 2-Zimmer-Wohnung. Doch wie sich bald herausstellte, waren die Urkunden für die neue Wohnung gefälscht und als die rechtmäßigen Besitzer wiederkamen, flog ich mit meinem Sohn aus der Wohnung. Vor Gericht hatte ich keine Chance, die Betrüger zu belangen. Auch meinen Laden musste ich schließen, als Tschetschenien immer strenggläubiger wurde und der Verkauf von Alkohol plötzlich verboten war. In Tschetschenien herrschte Krieg und es wurde immer gefährlicher. Nicht nur wegen der ständigen Gefechte. Auch weil sich Soldaten und Rebellen bevorzugt an alleinstehenden Frauen vergingen – wir gelten dort als Freiwild.

Arbeit konnte ich auch keine mehr bekommen. Ich versuchte, alles was ich noch hatte zu Geld zu machen und ging zurück nach Dagestan. Doch meine Eltern waren inzwischen gestorben und mein Bruder konnte und wollte uns auch nicht aufnehmen. So beantragte ich Ausreisepapiere und kam nach Deutschland. Ich war verzweifelt, dass ich wieder unter Tschetschenen gelandet war und bald wurde Krebs bei mir diagnostiziert. Vom Internationalen Frauencafé in Nürnberg bekam ich viel Unterstützung. Als ich ins Krankenhaus musste, fanden sie eine Pflegefamilie für meinen Sohn. Nur nach der Operation war ich in einer Art Reha-Unterkunft für Flüchtlinge und dort fingen die Belästigungen von neuem an. Psychisch Kranke oder drogenabhängige Männer belästigten mich und ich hatte große Angst. Nachdem ich die Krankheit halbwegs überstanden hatte, wohnte ich wieder in einer Sammelunterkunft. Die Frauen dort regten sich auf, wenn ich meinen Sohn, der immer noch ein Kindergartenkind war, mit in die Dusche nahm. Ich hatte ja keinen Mann, der ihn in die Männerdusche hätte mitnehmen können. Gegen die Männer, die „aus Versehen“ in die Frauenduschen kamen, sagten sie nichts. Überhaupt dachten viele Männer: „Die ist alleinstehend, zu der kann ich ja einfach gehen“. Und wenn sie mir bei verschiedenen Dingen des alltäglichen Lebens Hilfe anboten, wollten sie natürlich gleich eine „Gegenleistung“. Vier Jahre musste ich diese primitiven Männer ertragen und mich als Hure beschimpfen lassen. Nur weil ich durch meine Krebskrankheit einen Invalidenstatus bekommen habe, durfte ich in eine Privatwohnung umziehen. Mein Sohn geht jetzt seit einem Jahr zur Schule und seit einem Monat wohnen wir in einer eigenen Wohnung in Nürnberg. Zum ersten Mal seit Jahren wieder kann ich wieder durchatmen. Den Krebs habe ich fürs Erste überwunden, aber ob er wirklich nicht wieder kommt, lässt sich erst in ein paar Jahren sagen.