Freiheit in Geborgenheit

Foto: Bethel Fath

Südlich von München, nicht weit entfernt von der Wieskirche, können Menschen mit ihren an Demenz erkrankten Angehörigen Urlaub machen. Wir haben ein Paar in der Langau begleitet.

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten …“, singt Renate Becker voller Inbrunst. Für sie haben diese Worte eine ganz eigene Bedeutung, denn seit fünf Jahren pflegt die 82-Jährige ihren demenzkranken Mann Claus. Die
Gedanken ihres Mannes bleiben für Renate
Becker zunehmend ein Geheimnis, denn
ihr früher so kommunikativer Partner kann keine komplexen Unterhaltungen mehr
führen. Doch beim Singen fällt ihm der Text noch ein: „… sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten …“, stimmt Claus mit ein. Die Beckers sitzen mit zwei anderen Paaren, bei denen ein Partner den anderen pflegt, auf der Gartenterrasse der Bildungs- und Erholungsstätte Langau in Steingaden, auf dem Schoß eine Mappe mit Liedern. Die weitläufige Terrasse ist mit Büschen begrenzt und gehört zum Demenzbereich, was aber nur Eingeweihte wissen. Niemand fühlt sich hier eingesperrt und stigmatisiert – gelebte Inklusion also.

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Mitarbeiterin Lisa Wohlfrom betreut das Singen und bewundert die Textsicherheit,
vor allem der dementen Sänger*innen. Wohlfrom kümmert sich in der Langau um
Entlastungsangebote für Angehörige von Menschen mit Demenz. Dort, im Pfaffenwinkel unweit der Wieskirche, können Demenzkranke und Menschen mit Behinderung mit ihren pflegenden Angehörigen so Urlaub machen, dass es sich auch wie Urlaub anfühlt.
Auf den ersten Blick sieht fast alles genauso aus wie in anderen Hotels im Voralpenland. Erst auf den zweiten Blick bemerkt man die Barrierefreiheit. Die Türen sind breit und öffnen sich automatisch, die Empfangstheke ist abgestuft, sodass Rollator- und Rollstuhlfahrer*innen bequem einchecken können und Fußgänger*innen sich nicht bücken müssen. „Rollstuhlfahrer hassen es, wenn sie anderen Menschen lästig sind“, erklärt Peter Barbian, der Geschäftsführer der Bildungs- und Erholungsstätte. Wenn an nicht barrierefreien Orten Rollstuhlfahrer*innen explizit Platz gemacht werden muss, „steht ihre Behinderung im Vordergrund und nicht ihr Mensch-Sein“.
In der Langau sind alle Wege und Räume so selbstverständlich für alle gleichermaßen nutzbar, „dass es keine Schilder braucht“, betont Peter Barbian. Die 53 Zimmer seines Hauses werden sowohl von Alzheimererkrankten und ihren pflegenden Angehörigen genutzt als auch von größeren und kleineren Gruppen, Familien oder Vätern mit behinderten Kindern. Zum Grundstück gehört auch eine Blockhütte, die oft von Schulklassen belegt wird.
Die Langau kann auf eine lange gemeinnützige Tradition zurückblicken. Das heutige Haupthaus entstand vor 400 Jahren etwa zeitgleich mit der nahe gelegenen
Wieskirche und diente als Klosterschwaige. Mit der Säkularisation fiel sie 1803 an den bayerischen Staat, der sie in den 60er-Jahren an die christlichen Pfadfinderinnen verpachtete. Die verschrieben sich bereits dem Leitmotiv „Pfadfinderin trotz allem“, womit gemeint ist, dass auch Menschen mit
Einschränkungen am Pfadfinderleben teilhaben können. Praktisch standen die Pfadfinderinnen dann vor dem Problem, dass sie die Rollstühle nicht über die angrenzenden Moorwiesen bekamen. Daraufhin fingen sie an, das Anwesen barrierefrei auszubauen, womit sie ihrer Zeit weit voraus waren, da Menschen mit Behinderung damals eher versteckt als inkludiert wurden. Die Pfadfinderinnen erweiterten die Langau innerhalb von zehn Jahren zu einer großen
Anlage – mitfinanziert vom bayerischen Staat. Vor fünf Jahren wurde das Haus renoviert, energetisch optimiert und mit den heutzutage möglichen technischen Ausstattungen noch barrierefreier gemacht.

„Hier treffen sich Menschen jeden Alters mit und ohne Behinderung“

So können sich Eltern und pflegende Angehörige erholen und anspruchsvolle Wanderungen und Radtouren unternehmen. Doch auch wenn sie einfach nur auf dem Liegestuhl im Garten das Alpenpanorama genießen, müssen sie keine Angst haben, dass ihr*e orientierungslose*r Partner*in früher aus dem Mittagsschlaf aufwacht und ausbüxt. Unauffällige Lichtschranken, die in der ganzen Anlage verbaut sind, senden eine Nachricht auf das Handy der Betreuer*innen
oder der Angehörigen, wenn ein dementer Mensch die Anlage verlässt – vorausgesetzt, er oder sie trägt ein Armband mit entsprechenden Sensoren. Die Idee dahinter ist „maximale Sicherheit bei maximaler Freiheit“, erklärt Geschäftsführer Peter Barbian.

Keine Truman-Show in der Langau

Einige Einrichtungen für Demenzkranke haben Scheinbushaltestellen und Ähnliches errichtet, an denen Alzheimer-Patienten auf einen Bus warten, der niemals kommt, und dann wieder ins Haus zurückkehren. Das erinnert ein wenig an den Film „Truman Show“, in dem eine „heile“ Realität simuliert wird. In der Langau hat man versucht, dezenter vorzugehen und Urlaubsmöglichkeiten mit gewissen Extras zu bieten.
Renate Becker weiß das zu schätzen. Ihr Mann ist gut versorgt, während sie allein
oder zusammen mit ihrem Mann Ausflüge macht. „Wir hatten immer irgendetwas vor, aber wenn man wollte, konnte man sich auch jederzeit ausklinken, wie das Herr Rauch gemacht hat. Er wollte einfach am liebsten mit seinem Hund Lillifee lange Spaziergänge durch die Landschaft machen.“ Einmal fuhr Renate Becker nach Bad Bayersoien zum Kneippen und regelmäßig nimmt sie an Lisa Wohlfroms Entspannungsgymnastik im Garten teil. Wohlfrom leitet auch die täglichen Gesprächsrunden mit den pflegenden Angehörigen und rekapituliert mit ihnen den Tag. Sie ermuntert die Gruppe, „sich immer wieder Zeit für sich selber zu nehmen“, und gibt den pflegenden Angehörigen Anregungen für den Alltag zu Hause. Zur Visualisierung dienen ihr kleine Glassteinchen. Für jedes schöne Erlebnis nimmt Frau Becker ein Steinchen und steckt es in die Hosentasche – je voller die Tasche, desto schöner der Tag: „Die Gymnastik draußen auf der Matte, das war schön heute Morgen!“, schwärmt sie, „…und als wir gestern um den See herumgelaufen sind!“ Renate Becker genießt ihren Aufenthalt in der Langau und vor allem der Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen tut ihr gut: „Man weiß einfach gegenseitig, wovon man spricht …, denn das kann sowieso niemand nachvollziehen, wie der Alltag mit Demenzkranken wirklich ist.“

„Demenz ist nicht nur vergessen“

Die Beckers sind seit 58 Jahren verheiratet, haben vieles gemeinsam gemacht und sich intensiv ausgetauscht. Mit der Alzheimer-Erkrankung vor sechs Jahren änderte sich alles und Frau Becker vermisst ihr Leben davor sehr: „Demenz ist ja nicht nur Vergessen, bei der Demenz verändert sich das ganze Wesen. Woran ich am meisten leide, ist: Es gibt keinerlei Kommunikation mehr. Sie müssen alles erspüren und alles machen. Egal, ob das Papierkram ist oder etwas anderes.“ Ihre beiden Kinder unterstützen sie und auch die Tagespflege ist eine Entlastung, nur die langen Unterhaltungen mit ihrem Mann Claus kann niemand ersetzen: „Wie es mein
Mann hier findet, kann ich nicht präzise beantworten. Er nimmt alles, wie es kommt, Hauptsache, ich bin bei ihm!“ Wenn die Beckers zusammen lächelnd von ihrem Balkon in die Berge schauen, wirken sie ganz entspannt, wie andere rüstige Paare im Urlaub.

Gleich zu Beginn von Claus Beckers Alzheimer-Erkrankung hat seine Frau versucht, so viel wie möglich über Therapiemöglichkeiten, Verlauf und Hilfen in Erfahrung zu bringen. Später hat sie auch von der Langau und den besonderen Angeboten für
Demenzkranke und ihre pflegenden Angehörigen gehört. Ihr gefiel es, dass man dort so selbstverständlich mit Demenz umgeht und unterschiedliche Menschen und Generationen aufeinandertreffen. So gibt es in der Langau zahlreiche Angebote für Menschen jeden Alters mit und ohne Behinderung. Zusätzlich zu den Freizeitangeboten in der Natur nutzen viele den barrierefreien Indoor-Spielplatz mit Kletterwänden und einem Raum, der mit weichen Schaumstoff-Quadern gefüllt ist. Man kann sich dort wagemutig aus unterschiedlichen Höhen hineinfallen lassen. „Der Erste, der runtergesprungen ist, war ein elfjähriger Rollstuhlfahrer“, erzählt Geschäftsführer Peter Barbian. Der Junge war durch einen Fahrradunfall querschnittgelähmt und sehr sportlich. „Sein Vater konnte mit der Behinderung nicht gut umgehen und spielte kaum noch mit seinem Sohn.“ Nach ein paar Tagen merkte er, wie viel Spaß seine Kinder auf dem barrierefreien Spielplatz hatten, und klinkte sich mit ein. Peter Barbian muss oft an diese schöne Geschichte denken, wenn er den Erlebnisbereich betritt. Viele Kinder bauen sich den Spielplatz nach ihren jeweiligen Bedürfnissen selbst um. „Am Anfang dachte ich noch, jedes Ding bräuchte seinen Platz – aber das war mein Erwachsenen-Ich“, schmunzelt Barbian.
Claus Becker besucht mit seinem Betreuer auch gern den „Snoezelenraum“. Das ist
ein weißes, reizarmes Zimmer, in dem man gezielt einen oder zwei Reize wie Musik und eine Lichtquelle auswählen kann und dadurch entspannt. Die Idee für die Snoezelen kommt – wie der Name – aus dem Holländischen und bedeutet so etwas wie „schnüffeln“ und „schlummern“. In der Langau wird der Raum oft von Demenzkranken und Kindern mit ihren Betreuern genutzt. Sie fläzen sich beispielsweise auf das Wasserbett und genießen einzelne Lichteffekte, Töne
oder optische Reize wie Bilder, die an die Wand projiziert werden. Gerade wenn Menschen mit Demenz oder anderen Krankheiten sehr aufgeregt sind, wirken bestimmte einzelne Reize, wie ein Fadenvorhang odereine Wassersäule, sehr beruhigend.

Snoezelenraum zur Entspannung

Barbian weiß, dass ein Aufenthalt in der Langau sich auch nachhaltig auf das Leben
zu Hause auswirken kann, auch wenn sich nicht alle daheim ein Schaumstoff-Bad oder einen Snoezelenraum einrichten können. Und Gitterbetten für Kinder oder Erwachsene, die nicht schlafen können, sind auch nicht selbstverständlich. Ein medizinisches Gitterbett kostet 15.000 Euro und ist hier als Himmelbett getarnt. „Kinder finden das ganz lustig“, meint Barbian. „Es gibt Leute, die können nur bei uns Urlaub machen, weil wir so ein Kayser-Bett haben.“ Man benötigt für das Gitterbett eine richterliche Anordnung. „Wir stellen das zur Verfügung, wenn jemand weglaufgefährdet ist oder sich selbst verletzt“, erklärt Barbian. „Vor
allem die Kinder fühlen sich darin eher behütet als eingesperrt und demnächst gibt es noch einen Sternenhimmel aus lauter LED-Birnen!“
In der Langau kümmern sich 250 Ehrenamtliche und fest angestellte Mitarbeiter
um die Bedürfnisse der Gäste. Dabei wird bereits bei der Anmeldung abgefragt, welche Zimmerausstattung benötigt wird und ob Unverträglichkeiten und Vorlieben, zum Beispiel beim Essen, vorliegen. So können frische vegetarische, vegane, gluten- und laktosefreie Gerichte angeboten werden, wenn nötig auch püriert. Der Speisesaal ist ebenfalls großzügig gestaltet und die Theken sind für alle gut zu erreichen, ohne dass Rollifahrer*innen rangieren müssen.

Vorteile für Tagesausflügler  mit Behinderung 

Die barrierefreien Bäder für Schwerstpflegebedürftige werden auch von Ausflüglern in der Gegend genutzt. Denn viele Menschen mit Behinderung können kaum touristische Ausflüge machen, weil die öffentlichen barrierefreien Toiletten verschmutzt sind und die Angehörigen gezwungen werden, die Behinderten auf dem Boden zu wickeln. Aus diesem Grund hat sich die Langau einer Initiative in München angeschlossen, die sich „Toilette für alle“ nennt. Ausflügler können so auf einer Landkarte im Netz nachsehen, wo sich Toiletten für alle befinden, und sie nutzen.
So wird die Langau einmal mehr ihrem Leitbild gerecht, eine Begegnungsstätte
und ein Treffpunkt für alle zu sein. Renate Becker jedenfalls hat es gefallen und sie
kommt mit ihrem Mann gern wieder.