Eine Hand stärkt die andere

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Gewerbetreibende in der Ludwigsvorstadt

Birgit Kroner könnte täglich die Wände hochgehen. In ihrer Physiotherapie-Praxis in der Gollierstraße 47 hat sie nämlich eine Kletterwand. An der zeigt sie ihren Patienten, wie Klettern Rücken und Glieder stärkt. Viele Bewohner im Westend und Büroangestellte von der Schwanthaler Höhe kommen in ihre Praxis. „Meine Klienten sind ein Querschnitt durch die Bevölkerung“, stellt Kroner fest und betont, dass es nicht immer nur die Bewegungsmuffel sind, denen irgendwann etwas weh tut, sondern auch die überambitionierten Sportler: „Die fangen nicht mit Walking an, sondern gleich mit Triathlon“. Eine weitere Gruppe, sind Leute wie Silvio Weindinger. Der Metzger hat seinen Laden ein paar Meter von der Physiopraxis entfernt. Silvio Weindinger hat einen anstrengenden Job. Deshalb war er auch schon auf der Liege von Physiotherapeutin Birgit Kroner. Frühmorgens muss er zum Schlachthof. Dort kauft er vor allem Fleisch für seinen kleinen Eckladen, den er seit 20 Jahren gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Die beiden stammen aus Thüringen und haben die Metzgerei von einer Tante übernommen. Würste, Leberkäs und Salate für den Imbiss machen sie weitgehend selbst. An Kundschaft – vor allem aus der Genossenschaft und den umliegenden Straßen – mangelt es ihnen nicht. „In diesem Sommer gingen vor allem die eingelegten Steaks sehr gut weg“, schwärmt Silvio Weindinger.

Auch Nicos Naturkostladen in der Kazmairstraße 38 brummt zur Zeit. Seit 40 Jahren verkauft Günther Nikolaus, genannt Nico, in Ladenlokalen der WGMW Bioprodukte. Er und seine Frau Ruth haben hauptsächlich Stammkunden aus dem Westend: „mittlerweile kaufen schon die Enkel ein“, sagt Nico. Trotzdem hat sich viel verändert für ihn. Große Bio-Ketten haben sich in der Nähe angesiedelt und es seinem Laden nicht immer leicht gemacht. Doch anders als Bio-Supermärkte berät Nico seine Kunden auch. Gerade was Allergien und gesunde Ernährung angeht, hat er sich fundiertes Wissen angeeignet.

Ein weiteres Urgestein in der Ludwigsvorstadt ist das Ca Va. Brigitte Jaschkowitz hat das gemütliche Speiselokal mit der zeitlosen Einrichtung vor 33 Jahren eröffnet und ist fast täglich vor Ort. Sie hat 25 Angestellte – meist Studenten und wird manchmal auch von ihren Söhnen unterstützt. „Wenn auf der Leinwand die Champions League läuft, ist der Laden voll“, erzählt Jaschkowitz und auch sonst ist sie zufrieden. Mutter Brigitte und Sohn Aaron harmonieren hinter dem Tresen. Nur was die Werbe-Strategie angeht, sind sie nicht immer einer Meinung. Während Brigitte Jaschkowitz stolz darauf ist, dass es im Ca Va kein Wlan gibt, steht ihr Sohn Aaron der Idee, die tägliche Speisekarte in einer App zu veröffentlichen, durchaus positiv gegenüber.

Als die beiden vor dem Lokal eine Rauchpause machen, versucht ein Fahrschüler in eine enge Parklücke zu kommen. Trotz Publikum schafft er es mit ein paar Zügen. Jörg Holtmann gehört die Fahrschule neben dem Ca Va. 90 % seiner Schüler bringt er beim ersten Mal durch die Fahrprüfung. Damit liegt er „weit über dem bundesweiten Durschnitt“, denn fast ein Drittel aller Deutschen Fahrschüler fällt durch die praktische Prüfung. Jörg Holtmann macht seinen Job gerne, doch seine Kapazitäten sind begrenzt und er hat Schwierigkeiten Fahrlehrer zu finden. Denn seit die Wehrpflicht abgeschafft wurde, gibt es kaum noch Leute, die bei der Bundeswehr eine Fahrlehrer-Ausbildung absolviert haben und ein klassischer Ausbildungsberuf ist Fahrlehrer nicht. Holtmann bedauert das. Er selbst dürfte zwar ausbilden, hat aber keine Zeit dazu. Aber für ein kleines Schwätzchen unter Nachbarn reicht es allemal. Vor allem als Kim Flamminger mit ihrem knallrosa Elektro-Gefährt des Weges kommt. Sie betreibt im Viertel „Kims Kindertanz“ und hat auch bei Jörg Holtmann den Führerschein gemacht. Heute kutschiert sie ihre hochschwangere Tochter auf dem Trittbrett durch die Gegend.

Im Studio Vulkan – gleich neben der Fahrschule – ist man ebenfalls offen für ungewöhnliche Lösungen. Die Landschaftsarchitekten begrünen nicht nur Wohnanlagen und Parks und gestalten Plätze und Gemeindezentren. Sie haben auch keine Angst vor großen Tieren und bauen schon mal ein Elefantengehege im Basler Zoo.

Ganz Anders geht es bei Angela Rösch zu. Die Logopädin kümmert sich um filigrane Stimmbänder und Blockaden, die Menschen das Sprechen schwer machen. Ihre Patienten sind oft Lehrer, Schauspieler und allgemein Leute, die viel sprechen müssen. In ihrer Praxis verfolgt sie einen ganzheitlichen Ansatz und hat mit ihrer Nachbarin Birgit Kroner, der Physiotherapeutin, „einige Patienten gemeinsam“. Denn viele Haltungsschäden wirken sich auf die Stimme aus und umgekehrt. Gerne würde Angela Rösch noch mehr Patienten aufnehmen, aber sie findet nur schwer eine weitere Logopädin für ihre Praxis. Rösch arbeitet täglich acht Stunden – mit zwei Kindern in der Ausbildung sei das auch nötig, sagt sie. „Ich kann jeden Morgen ein Dankesgebet sprechen, dass ich in der Genossenschaft gelandet bin“, sonst wäre es finanziell viel schwerer. Angela Röschs Tochter hat zwei Jahre in Nicos Naturkostladen ausgeholfen und so schließt sich der Kreis wieder: Die Gewerbetreibenden in der Ludwigsvorstadt unterstützen sich gegenseitig und sind bestens miteinander vernetzt. So florieren die Geschäfte und alle haben gut zu tun.

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