Eine Frau auf der Walz

Theresa Amrehn ist auf der Durchreise. „Das bin ich immer,“ sagt die junge, schmale Frau und lacht. Beim Kaffee im Müllerschen Volksbad-Café erzählt sie von ihren dreieinhalb Jahren auf Wanderschaft als Kirchenmalergesellin. Vieles hat sie in der Zeit als Frau auf der Walz erlebt, und aufgeschrieben. Inzwischen ist sie in Bonn sesshaft geworden und besucht in München ihre Freundin Birgit, eine Schneiderin, die sie bei der Tippelei, wie man die Walz auch nennt, kennengelernt hat.

Zum Stadtbild gehören Gesellinnen auf der Walz noch nicht gerade, aber langsam werden es auch wieder mehr Frauen, die diese jahrhundertealte Tradition ausüben. Seit dem Spätmittelalter wurden junge Handwerker auf die Walz geschickt um neue Fertigkeiten und Kulturen kennenzulernen. Erst danach durften sie in ihrem Fach die Meisterprüfung ablegen. Durch die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts und veränderte Handwerksregeln geriet diese Tradition vor allem bei den Frauen in Vergessenheit. Mittlerweile sind in Deutschland immerhin 10 Prozent der knapp 500 Gesell/innen auf Wanderschaft weiblich – Tendenz steigend. Allerdings gibt es hierzulande nur zwei Schächte, das sind Vereinigungen von verschiedenen Handwerkern auf der Walz, die Frauen aufnehmen. Deswegen sind die meisten Gesellinnen sogenannte Freireisende, wie Theresa Amrehn eine war.

Optisch erkennt man die Gesell/innen auf der Walz schon von weitem: sie haben sie eine farbenprächtige Kluft aus rotem oder weißem Cord an. Die Farben stehen für die Berufe Schneider/in, Goldschmied/in oder eben Kirchenmaler/in. Oder sie arbeiten mit Holz und tragen wie die Männer in diesen Berufen schwarze Schlaghosen mit Weste und Jackett und – für alle ganz wichtig – Hut. Der schützt nicht nur vor Wind und Wetter, sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei den vielen Ritualen der Wandergesellen. Zu Beginn der Reise muss die Gesellin daraus Bier trinken bevor sie übers Ortsschild des Heimatortes klettert und sich diesem für die nächsten drei Jahre auf 50 Kilometer nicht nähern darf.

Den Drang auf Wanderschaft zu gehen, verspürte Theresa Amrehn schon eine Weile. Doch bevor sie losgehen konnte, musste sie erst noch einen Gesellen finden, der sie „auf den Weg brachte“ und die ersten Wochen auf der Walz begleitete. Auf einer Gesellenparty in der Nähe ihres fränkischen Heimatortes Kleinrinderfeld trifft sie auf Pepe, der sich dazu bereit erklärt. Mitten im November machen sie sich zu Fuß auf den Weg, kreuz und quer durch ganz Deutschland – ohne Handy. Geschlafen wird meist in Kolpinghäusern, Gemeindesälen oder Gesellenunterkünften, denn die Regel lautet, „für Reise und Unterkunft darf nichts ausgegeben werden“. Viele Leute laden sie zum Essen und – leider – auch zum Saufen ein. Denn eine andere Regel lautet: „Gesellen sollen Speis und Trank nicht ablehnen“.

Manchmal kommt Theresa an ihre körperlichen Grenzen, doch Aufgeben ist für sie „nie eine Option“. Auch wenn sie beim Trampen stundenlang im Regen steht, keinen Schlafplatz findet oder von einem Autofahrer belästigt wird, sie will ihre Walz auf keinen Fall abbrechen. Und ihre positiven Erfahrungen überwiegen bei Weitem die negativen. Viele Leute nehmen Theresa über Nacht bei sich zu Hause auf und verpflegen sie. „Dass der christliche Gedanke, anderen zu helfen, in den Köpfen ist, auch ohne Religion, das war ein tolles Erlebnis für mich“, sagt sie. Auf der Walz lernt sie haufenweise spannende Menschen im In- und Ausland kennen. Auch ihre Arbeitgeber, im Gesellenfachjargon Krauter genannt, beschreibt Theresa als überwiegend fair. Nur einmal hat ein Kirchenmalerbetrieb in Bayern versucht, sie im Lohn zu drücken. Doch Theresa Amrehn packte einfach ihr Bündel und ging.

Im Rathaus jedes neuen Ortes holt sich Theresa einen Stempel für ihr Gesellenbuch und Informationen über Handwerksbetriebe, die eventuell jemanden gebrauchen können. Dabei ist sie nicht nur auf die Kirchenmalerei festgelegt. „Ich kann auch mit Holz und Stein ganz gut“, sagt sie und grinst, „nur Metall fehlt mir noch! Deshalb fange ich wahrscheinlich im August eine Lehre zu Karosseriebauerin an.“ Dieses Bedürfnis nach neuen Erfahrungen, ist eine ihrer Triebfedern. Eine andere ist der große Drang nach Freiheit. Zum Beispiel die Freiheit, jederzeit wieder aufzubrechen, sich seine Arbeitgeber und Reisegefährten selbst suchen. So landet Theresa mit einer anderen Gesellin in London. Dort bekommt ihre Gefährtin wegen des schweren Gepäcks schlimme Rückenprobleme und kann nicht mehr weiter. Für längere Zeit kommen sie bei verschiedenen Leuten unter und helfen einer ihrer Gastgeberinnen beim Entrümpeln ihrer Wohnung und ihres Lebens.

Den darauffolgenden Winter verbringt Theresa mit ihrer neuen Liebe, einer Köchin auf Wanderschaft, auf Fuerteventura. Nach dreieinhalb auf Wanderschaft kehrt Theresa in ihren Heimatort Kleinrinderfeld, weil ihre Schwester heiratet. Das Heimkommen ist für sie schwerer als das Weggehen. Viele Handwerker tippeln einfach immer weiter und sind 10 Jahre und länger unterwegs. „Ich bin ganz froh, dass ich mich nicht auf der Walz verloren habe, und den Absprung geschafft habe,“ seufzt Theresa Amrehn.  Jetzt hat sie vor allem Lesereisen vor sich, denn im April ist ihr Buch „Königin der Landstaße“ erschienen.