Nachverdichtung bis zum Gehtnichtmehr

Im Ottobrunner Vogelviertel zwitschert es bald weniger, denn 71 Bäume sollen neuen Wohnblocks und einer Tiefgarage weichen. Zaunkönig und Zeisig kämen dann vermutlich dort nur noch in den Straßennamen vor. Zumindest, wenn sich die Baupläne des Gemeinderates um Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) durchsetzen. Keine Frage: Günstiger Wohnraum wird in Ballungsräumen wie München dringend benötigt. Doch was wird verdrängt und sind unsere Kommunen dann noch lebenswert? In vielen Stadtteilen Münchens von Harlaching bis
Obermenzing brodelt es, wenn auf den letzten Grünflächen Häuser entstehen, und auch in den Vororten ist die Nachverdichtung angekommen. So finden viele alternative Projekte wie Urban Gardening oder Wagenburgen wie „Hin & Weg“ kaum noch Raum. Jüngstes Beispiel für gefährdete Einrichtungen ist der Aubinger Reitstall. Auf seinem Gelände will das Technische Hilfswerk (THW) eine Fahrzeughalle errichten.

NAchverdichtung BISS 3

Geballte Frauenpower

WGMW-Gewerblerinnen zwischen Westend & Theresienhöhe

Angie Filler-Würstle und Steffi Strauss

»Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt!« Kim Flammiger erhebt sich auf dem Mäuerchen vor ihrer Kindertanzschule auf die Fußspitzen. Die 57jährige ist ein Energiebündel, dem man sofort abnimmt, dass sie jede noch so große Krise meistert. Auch Corona zwingt sie nicht in die Knie, obwohl letzteres oft ganz schön schmerzt. Deshalb lässt sie die längst anstehende Knie-OP jetzt machen, da sie Pandemie-bedingt kaum arbeiten kann. Seit einem Unfall vor sieben Jahren hat sie bereits mehrere Operationen hinter sich gebracht und ist – statt zu Fuß – immer mit ihrem rosaroten Klein-Mobil unterwegs: »Ich kann privat nicht so viel laufen, sonst könnte ich nicht arbeiten. Ich bin schwerbehindert, aber ich habe Muskeln und kann daher einiges kompensieren.«

Rundschau Juli 2021 Gewerbetreibende

Angekommen im Kosmos Hohenschäftlarn

Als man vor gut drei Jahren bei BISS erfuhr, dass ein Hohenschäftlarner dem Verein BISS sein Haus vererbt hat, war die Überraschung und die Freude groß. Niemand hatte den Erblasser Josef Fencl gekannt. Er wollte offenbar Menschen, die nicht so viel Glück gehabt hatten, ein Dach über dem Kopf geben. Fencl selbst musste mit 14 Jahren aus Tschechien fliehen und wusste vermutlich was es heißt, keine Wohnung zu haben. Später baute er als gelernter Maurer das Haus in Hohenschäftlarn für sich, seine Frau und seine behinderte Tochter. Frau und Tochter starben vor ihm, so dass er keine unmittelbaren Nachkommen hatte, als er Ende 2016 mit 85 Jahren starb. Nachdem die Formalitäten geregelt waren, zogen zwei obdachlose BISS-Verkäufer ein. Gleichzeitig wurde das Haus saniert, um noch mehr Leuten Platz zu bieten. Mitte August bezog die neunköpfige Familie Kadri aus Nigeria das obere Stockwerk. Seitdem hat Hohenschäftlarn mitten am Kirchberg elf neue Bewohner*innen.

von Gabriele Winter Angekommen im Kosmos Hohenschäftlarn

Karin Lohr, Geschäftsführerin von BISS

„Wir waren sehr glücklich, dass Herr Fencl so an uns gedacht hat und uns sein Haus vermacht hat. Denn das ist ja eines unserer Hauptanliegen, günstigen Wohnraum zu finden und zur Verfügung zu stellen. Es geht dabei um Solidarität für Leute, die sonst keine Chance haben, auf dem freien Markt etwas zu finden, wie zum Beispiel unsere beiden ehemals obdachlosen BISS-Verkäufer Udo Güldner und Mihai Tajcs. Und auch die Kadris wohnten ja sehr beengt mit ihren sieben Kindern jahrelang in einer Flüchtlingsunterkunft in Höhenkirchen, obwohl sie bereits anerkannt waren und längst hätten ausziehen können. Seit August leben sie nun in Hohenschäftlarn und alle sagen, es läuft super.

Zum Gelingen des Projekts haben aber auch eine ganze Menge Leute beigetragen – angefangen vom Architekten über die Bewohner bis hin zu den Handwerkern und nicht zuletzt Herrn Rubic, der dreimal die Woche nach Hohenschäftlarn fährt, sich um den Garten kümmert und nach dem Rechten sieht. Auch die Nachbarn haben die elf neuen Bewohner am Kirchberg herzlich aufgenommen. Man grüßt einander auf der Straße und hält ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Ich denke, wenn Herr Fencl runterschauen würde, würde er sich freuen, weil es so geworden ist, wie er sich das vermutlich vorgestellt hat.“

 

Die Nachbarn

Hohenschäftlarn ist eine kleine Gemeinde mit 5800 Einwohnern in der man sich kennt. Das Ehepaar Arnold, oberhalb des Fencl-Hauses freut sich, „dass sich wieder was rührt“, seit die neuen Bewohner da sind. Auch wenn es insgesamt „ruhiger zugeht als beim Fencl“, meint Regina Schmid, die mit ihrem Mann den Bauernhof auf der anderen Straßenseite führt. „Die Kinder sind sehr gut erzogen und man hört wenig, ganz anders als beim Fencl Sepp, der bei Ernst Mosch und seinen Original Egerländer Musikanten die volle Lautstärke aufdrehte. Eigentlich machen die elf neuen Bewohner weniger Lärm als vorher einer allein!“, lacht Frau Schmid und erzählt, wie die älteste Tochter der Familie Kadri kürzlich klingelte um nach den Zeiten der Müllabfuhr zu fragen. Als hinter Frau Schmid die Katze zum Vorschein kam, machte das Mädchen erschrocken einen Satz zurück. „Ans Landleben müssen sich die Kinder wahrscheinlich noch gewöhnen“, meint Regina Schmid. Erste Kontakte zu den Schmids wurden auch von Herrn Rubic bereits geknüpft. Er kauft dort regelmäßig Milch und Eier. Mit Josef Arnold und seinen Kollegen vom Heimathaus ist Savinko Rubic schon sehr vertraut. In dem kleinen Heimatmuseum hat man die Ausgaben des BISS-Magazins, die mit dem Fencl-Haus in Verbindung stehen bereits im Archiv. Das Heimathaus aus dem Jahr 1492 liegt nur drei Minuten vom Fencl-Haus entfernt und wird von einer sechsköpfigen Arbeitsgruppe um Josef Arnold und Gerd Zattler betreut. Hierher kommen oft Schulklassen aus der Umgebung und schauen sich das bäuerliche Leben der vergangenen Jahrhunderte an.

 

 

Der Bürgermeister

 

Brauchtum wird in Hohenschäftlarn immer noch groß geschrieben – auch wenn „es leider kein Wirtshaus mehr gibt“, sagt Bürgermeister Christian Fürst von der CSU. Dafür existiert ein reges Vereinsleben. Neben der Freiwilligen Feuerwehr gibt es gibt zum Beispiel den Sportverein, indem auch schon einer der Kadri-Jungen Mitglied ist, und den Burschenverein, der sich um den Maibaum kümmert. Normalerweise steht der vor dem Fencl-Haus, aber Corona-bedingt konnte er dieses Jahr nicht aufgestellt werden. Fencl selbst war Mitglied im Trachtenverein und liebte Blasmusik, wovon seine ehemaligen Nachbarn ein Lied singen können. Persönlich hatten Bürgermeister Fürst und Josef Fencl, der eingefleischter Sozialdemokrat war, nichts miteinander zu tun, aber Fürst findet, dass sei „ja noch mal was anderes, wenn ganz andere Bewohner wie Familie Kadri oder Herr Güldner mit seinem stattlichen Bart in den Ortskern ziehen.“ „Ich finde eine soziale Nutzung eines Hauses im Ortskern sehr charmant“, sagt Fürst. Bezahlbarer Wohnraum ist auch in Hohenschäftlarn ein großes Thema. Die Gemeinde möchte nicht, dass die Jungen abwandern und baut vor allem für finanziell schwächere Menschen Wohnungen – „aber in Maßen, denn wir wollen nicht übermäßig wachsen. Die Infrastruktur wächst ja nicht mit, wir haben jetzt schon zu viel Verkehr, hinzu kommen Kindergärten, Schulen, Kläranlagen etc.“. Fürst legt Wert auf sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde und kann dabei auf die Tafel und das Familienzentrum zählen. Dort kümmert man sich um die Belange aller, vom Baby bis zu den Senior*innen. Ein weiterer Schwerpunkt, den Christian Fürst sich für seine Amtszeit gesetzt hat, ist die Wiederbelebung von Plätzen und Einkaufsmöglichkeiten. Damit erhört er die Gebete von BISS-Verkäufer Udo Güldner, der sehr gerne mehr vor Ort einkaufen würde.

Die Bewohner

 

Udo Güldner ist eigentlich ein Stadtmensch. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in München und Dresden, wo er herkommt. Einige Jahre davon auch auf der Straße, denn als Güldners Freundin starb, verlor er nicht nur den Boden unter den Füßen, sondern auch das Dach über dem Kopf. „Meine Freundin hatte sich immer um den ganzen Papierkram gekümmert“. So bekam Güldner erst von der Kündigung seiner Wohnung mit, als es schon zu spät war. Einige Jahre schlief der festangestellte BISS-Verkäufer hauptsächlich am Bahnhof. Als BISS-Sozialarbeiter Johannes Denninger mit ihm das Fencl-Haus besichtigte, griff er sofort zu, obwohl sein neues Domizil über eine Stunde von Güldners Verkaufs-Standort Trudering entfernt liegt. Inzwischen hat er sich ans Landleben gewöhnt und baut sogar Tomaten an. „Das einzige was mich schockiert hat, war im Januar 2019 der viele Schnee. Da musste ich mich förmlich ins Haus buddeln. Und die S-Bahn fiel schon auch manchmal aus.“ Güldner bewohnt mit seinem BISS-Kollegen Mihai Tajcs das Souterrain des ehemaligen Fencl-Hauses. Die beiden sehen sich nicht so oft, weil Güldner meist noch schläft, wenn Tajcs das Haus Richtung München verlässt. Güldners Bio-Rhythmus ist nicht immer Handwerker-kompatibel und er wurde während der Umbau-Arbeiten „schon öfter mal von der Bohrmaschine geweckt“. „Mein Rhythmus ist manchmal auch ein Problem fürs Einkaufen, weil ich erst um neun Uhr abends zurückkomme und die Geschäfte auf dem Weg dann auch nicht mehr aufhaben und wenn ich vorher gehe, müsste ich ja zweimal den Berg rauf und runter.“ Deshalb wünscht Udo Güldner sich einen fahrbaren Untersatz – möglichst mit Benzin betrieben.

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Eine Hand stärkt die andere

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Gewerbetreibende in der Ludwigsvorstadt

Birgit Kroner könnte täglich die Wände hochgehen. In ihrer Physiotherapie-Praxis in der Gollierstraße 47 hat sie nämlich eine Kletterwand. An der zeigt sie ihren Patienten, wie Klettern Rücken und Glieder stärkt. Viele Bewohner im Westend und Büroangestellte von der Schwanthaler Höhe kommen in ihre Praxis. „Meine Klienten sind ein Querschnitt durch die Bevölkerung“, stellt Kroner fest und betont, dass es nicht immer nur die Bewegungsmuffel sind, denen irgendwann etwas weh tut, sondern auch die überambitionierten Sportler: „Die fangen nicht mit Walking an, sondern gleich mit Triathlon“. Eine weitere Gruppe, sind Leute wie Silvio Weindinger. Der Metzger hat seinen Laden ein paar Meter von der Physiopraxis entfernt. Silvio Weindinger hat einen anstrengenden Job. Deshalb war er auch schon auf der Liege von Physiotherapeutin Birgit Kroner. Frühmorgens muss er zum Schlachthof. Dort kauft er vor allem Fleisch für seinen kleinen Eckladen, den er seit 20 Jahren gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Die beiden stammen aus Thüringen und haben die Metzgerei von einer Tante übernommen. Würste, Leberkäs und Salate für den Imbiss machen sie weitgehend selbst. An Kundschaft – vor allem aus der Genossenschaft und den umliegenden Straßen – mangelt es ihnen nicht. „In diesem Sommer gingen vor allem die eingelegten Steaks sehr gut weg“, schwärmt Silvio Weindinger.

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Go West!

Freihamer Aussichtsturm

Dialog 2016 – WGMW-Vertreter-Fahrt ‘Wohnraummehrung’
Titelthema
Wohnraummehrung – unter diesem Motto steht die WGMW­Vertreter­Fahrt 2016. An einem kühlen aber sonnigen Samstag im Februar geht es diesmal mit dem Bus Richtung Westen. Die ca. 60 Vertreter, Vorstände und Aufsichtsräte wollen Möglichkeiten für neue Wohnräume erkunden, denn auf den Wartelisten der WGMW stehen schon über 1000 Leute, und die sollen – wenn möglich – irgendwann eine Wohnung bekommen….

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