„Setz´ dein Kopftuch auf, du Schlampe!“

Anna Maya

Interview mit Anna Maya, Sozialpädagogin vom Frauencafé in Nürnberg

Anna Maya ist Sozialpädagogin im Internationalen Frauencafé in Nürnberg. Sie unterstützt und berät seit 2008 Frauen aus Flüchtlingsunterkünften bei Asylanträgen und hilft bei Schwierigkeiten im Alltag

„Setz´ dein Kopftuch auf, du Schlampe!“

Viele Frauen fliehen aus den gleichen Gründen wie Männer aus ihrer Heimat, weil sie aus politischen oder rassistischen Gründen verfolgt werden. Aber bei Frauen gibt es sehr oft noch andere Gründe. Sexuelle Gewalt gegen sie oder weil sie als Frauen diskriminiert werden. Sie suchen Schutz in Europa und landen in Flüchtlingsunterkünften, in denen sie Gefahr laufen, erneut von Männern bedroht und belästigt zu werden.

Frau Maya, warum schaffen es nur so wenige Frauen nach Europa?

Zum einen liegt es daran, dass in den meisten Kulturen die Männer noch als Hauptversorger der Familie gelten und dann der junge, starke Mann losgeschickt wird und dafür das Geld von sämtlichen Familienangehörigen gesammelt wird. Der junge Mann muss es dann nach Europa schaffen, um die Familie daheim oder in einem Flüchtlingslager in Jordanien oder im Libanon zu versorgen. Oder manchmal heißt es von den verheirateten Männern: „ich geh vor und ihr kommt nach“.

Was erleben alleinstehende Frauen hier in Deutschland?

Kürzlich war eine Studentin aus dem Iran im Frauencafé, die ist als einzige Frau mit lauter fremden Männern untergebracht. Sie erzählte, dass sie offensiv angemacht und zum Sex aufgefordert wird, dass Männer an ihre Tür klopfen und sich einladen.

Kann sie sich an jemanden wenden?

Sie ist in einer dezentralen Unterkunft auf dem Land. Es gibt ja viele leerstehende Hotels, die als Asylbewerberunterkünfte vermietet werden und da ist dann oft auch niemand. Da schaut der Vermieter oder eine Sozialarbeiterin ab und zu vorbei, aber wenn sie belästigt werden, können die Frauen dort nur die Polizei rufen.

Warum werden alleinstehende Frauen so untergebracht?

Dass ist vielleicht ein krasses Beispiel. Meist schaut man bei der Zusammenlegung auf religiöse und ethnische Zusammenlegung, nicht auf das Geschlecht. Oft werden die Frauen auch von ihrer eigenen „community“ unter Druck gesetzt: Unter muslimischen Familien kam es vor, dass in der Unterkunft zum Beispiel eine Frau kein Kopftuch trug, obwohl sie Muslimin ist, und einige Männer das eben nicht in Ordnung fanden und sie immer wieder aufforderten, sich anständig anzuziehen oder auch den Ramadan einzuhalten. Sprüche wie „Setz dein Kopftuch auf, du Schlampe!“, sind keine Seltenheit.

Welche Frauen kommen zu Ihnen ins Frauencafé?

Frauen aus Syrien, Iran, Äthiopien und neuerdings auch aus der Ukraine. Die meisten kommen wegen des Asylverfahrens und brauchen Hilfe bei der Vorbereitung der Anhörung. Und es geht auch viel um psychosoziale Belastungen. Es sind halt auch schon viele traumatisiert, die brauchen eine Therapie.

Erzählen Ihnen die Frauen etwas über die Hintergründe ihrer Flucht?

Ja, einige schon. Gerade, weil sie es oft nicht schaffen, ihre Erlebnisse bei der Anhörung zu erzählen. Zum Beispiel, wenn der Ehemann bestimmte Dinge nicht weiß und auch nicht erfahren soll, z.B. dass es Gewalt gab von einem anderen Mann im Heimatland oder auch woanders. Das Asylverfahren läuft ja in der Regel zusammen mit dem Ehemann, auch wenn die Anhörung einzeln stattfindet. Aber es werden dann Briefe verschickt, in denen die Berichte noch mal drin stehen und die kann der Ehemann dann einsehen.

Warum ist das so schlimm?

Das ist ja oft mit der ganzen Ehrenthematik belastet. Der Mann verliert ja auch seine Ehre, wenn sich jemand an seiner Frau vergangen hat. Oder wenn der Mann hauptsächlich der politisch aktive war, aber die Frau dadurch das Opfer wurde und sie nicht will, dass er es erfährt, weil er sich sonst große Vorwürfe machen würde.

Und was hindert alleinstehende Frauen daran, ihre Geschichte zu erzählen?

Manche erzählen es einfach nicht, weil sie nicht gefragt wurden oder die Zeit nicht reichte oder sie den Dolmetschern, die zum Teil aus dem Heimatland sind, nicht vertrauen. Sie haben Angst, dass die Dolmetscher, es in der „Community“ weitertratschen, was zwar meines Wissens nach nicht vorkommt, aber die Angst ist da. Und manchmal haben sie auch Angst, weil der Dolmetscher oder der Anhörer ein Mann ist.

Woher kommt diese Angst vor Männern?

Viele Frauen erzählen von Vergewaltigungen in den Gefängnissen ihrer Heimatländer oder auf der Flucht.

Wird diese Angst durch eine Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften verstärkt?

Zum einen ist da die Schutzlosigkeit, der Frauen ausgesetzt sind. Weil es eben nicht einzelne abgeschlossene Wohnungen sind und daraus viele für die Frauen unangenehme Situationen resultieren. Erst mal, dass es überhaupt auffällt, dass man alleine ist. Und dass man gezwungen ist, alle Anlagen gemeinsam zu benutzen und dabei zwangsläufig immer wieder auf Männer trifft. Und, dass man vor allem gezwungen ist, so lange dort zu bleiben.

Scheitert eine dezentrale Unterbringung nicht an der Wohnungsnot?

Ja schon, aber es wäre sehr wohl möglich, gerade alleinstehende Frauen woanders unterzubringen. Nach den anderen Merkmalen, wie Religion und Herkunft wird bei der Zusammenlegung ja auch gekuckt. Es wäre möglich, wenn der Wille da wäre. Es kamen von den Behörden auch schon so Gegenargumente, es wäre ja viel sauberer, wenn Frauen auch mit in den Unterkünften sind!

Wie kann man die Frauen besser schützen?

Die Lagerpflicht muss abgeschafft werden.  Es kann nicht angehen, dass die Frauen gerade in Bayern verpflichtet sind über Jahre in den Sammelunterkünften zu leben und dass es so wahnsinnig schwierig ist, dort auszuziehen. Zum Beispiel hätte die Iranerin, von der ich gesprochen habe, einen Platz in einem Studentenwohnheim in Erlangen, denn sie möchte weiter studieren. Aber der Landkreis weigert sich mit der Begründung, man darf erst nach vier Jahren ausziehen, was so aber nicht stimmt. Es gibt Ausnahmegründe wie Krankheit, oder wenn man genug verdient, oder man in einer Mischbeziehung steht mit jemandem, der einen Aufenthalt hat. Studium wäre jetzt kein klassischer Grund, aber man muss doch berücksichtigen, was auf Dauer Sinn macht.

Odyssee des Grauens – Frauen auf der Flucht

Zwischen 45 und  56 Millionen Menschen sind nach Schätzungen von Amnesty International und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen UNHCR derzeit auf der Flucht. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Frauen und Mädchen. Sie sind aus Ländern wie Syrien, Somalia und Afghanistan und fliehen vor Krieg, Gewalt, religiöser und rassistischer Verfolgung. Aber auch aus frauenspezifischen Fluchtgründen wie Vergewaltigung, Gewalt in der Familie, Zwangsehe oder Genitalverstümmelung. Nur die wenigsten von ihnen kommenn Europa an. 75 % der Flüchtlinge in Europa sind Männer. Ihre Familien kratzen für sie alles Geld zusammen, um Schlepper für die Überfahrt nach Europa zu bezahlen. Für die Frauen und Kinder ist meist kein Geld mehr übrig. Sie schaffen es nur in die Flüchtlingslager von Nachbarländern wie Jordanien, Türkei und Libanon, wo ihnen aufs Neue Vergewaltigungen und Hunger drohen, denn dort fehlt ihnen oft der Schutz von Ehemännern, Vätern oder Brüdern und sie werden noch leichter zu sexueller Beute. Erreichen Frauen dennoch die Festung Europa, bedeutet es nicht, dass sie dadurch sicher sind. In Gemeinschaftsunterkünften sind vor allem alleinstehende Frauen erneut verschiedensten Belästigungen ausgesetzt.

Drei Geschichten von Frauen, die auf der Flucht waren – und zum Teil immer noch sind.

Roya Hassan Abadi, aus dem Iran

Roya Hassan Abadi

„Ich hatte nie vor, zu fliehen“

„Ich hatte im Iran ein gutes Leben. Ich habe im Gymnasium als Physiklehrerin gearbeitet, das hat mir großen Spaß gemacht. Außerdem war ich verheiratet und hatte einen dreijährigen Sohn. Ich hatte nie vor, aus dem Iran zu fliehen. 2009 bin ich nach Deutschland geflogen, um meinen Bruder zu besuchen, als Touristin, nicht als Flüchtling. Mein Bruder war politisch aktiv und hatte den Iran schon vor langer Zeit verlassen. Ich hatte ihn 15 Jahre nicht gesehen, denn im Iran ist es nicht so einfach, ein Visum zu bekommen. Bei meinem Bruder in Augsburg, habe ich jeden Tag zuhause angerufen, doch plötzlich habe ich meinen Mann nicht mehr erreicht und mir große Sorgen gemacht. Ich habe die Nachbarn und seine Arbeitskollegen angerufen. Aber keiner wusste etwas. Erst meine Eltern sagten mir, dass mein Mann verhaftet worden ist und mein Sohn jetzt bei ihnen ist. Unsere Wohnung war durchsucht worden und die Computer hatten sie mitgenommen. Meine Eltern waren sehr wütend auf mich und haben mir vorgeworfen, alle ins Unglück gestürzt zu haben, weil ich immer alles hinterfragen musste. Ich hatte mit meinen älteren Schülerinnen über die Widersprüche zwischen Religion und Wissenschaft gesprochen, über Frauenrechte und wir haben auch Bücher von verbotenen iranischen Wissenschaftlern gelesen. Ein Freund hatte mir per email Kopien davon aus dem Ausland geschickt. Inzwischen tut es mir total leid, dass ich meine Schülerinnen so in Gefahr gebracht habe. Mein Mann war dreieinhalb Monate im Gefängnis, obwohl er überhaupt nichts von meinen Aktivitäten wusste. Er hat sich weder für Politik noch für Religion interessiert. Als er dann entlassen wurde, hat er unseren Sohn zu seinen Eltern gebracht und mir verboten mit ihm zu telefonieren. Bald darauf hat er sich dann auch von mir scheiden lassen. Wenn Männer sich im Iran von ihren Frauen scheiden lassen wollen, geht das sehr schnell. Umgekehrt ist das nicht so einfach. Die Kinder dürfen in der Regel nach einer Scheidung beim Mann bleiben und werden nur dann der Frau zugesprochen, wenn der Vater drogensüchtig, gewalttätig oder so etwas in der Richtung ist. In Deutschland habe ich gleich, als ich damals von seiner Verhaftung erfuhr, einen Anwalt eingeschaltet. Der fand heraus, dass gegen mich ein Haftbefehl vorliegt, weil ich gegen islamisches Recht verstoßen habe. Im Iran darf man weder Gott noch den Koran infrage stellen, sonst kann es passieren, dass man für lange im Gefängnis landet, manchmal droht einem sogar die Todesstrafe. Ich habe dann hier Asyl beantragt und war im Erstaufnahmelager Zirndorf. Mein Asylantrag wurde schließlich anerkannt und ich konnte hier noch einmal Physik studieren, denn mit meinem Uni-Abschluss aus dem Iran durfte ich hier nicht als Physiklehrerin arbeiten. Dieses Jahr mache ich meinen Master und überlege, danach zu promovieren. Seit kurzem kann ich auch wieder mit meinem Sohn telefonieren, denn mein Ex-Mann hat mir allmählich „verziehen“.

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