Auf der Suche nach einem Zuhause

Unter dem Motto „Ohren auf! Herzen auf! Türen auf!“ hat der Paritätische Oberbayern zusammen mit fünf Mitgliedsorganisationen eine Wohnungskampagne für LGBTI*(lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und intersexuell)-Geflüchtete gestartet. Damit sollen alle Menschen angesprochen werden, die über Wohnraum verfügen und bereit sind, anerkannte lesbische, schwule und trans* Geflüchtete in München und Umland zu unterstützen.

Immoscout ist das Portal auf dem sich Hanaa am häufigsten einloggt. Seit ihrer Anerkennung als Geflüchtete sucht die 26jährige Transfrau aus Tansania verzweifelt eine Wohnung in München. In der teuersten Metropole Deutschlands ist das kein leichtes Unterfangen – nicht mal für Urbayern mit geregeltem Einkommen. Im Moment lebt Hanaa in einer Flüchtlingsunterkunft im Münchner Osten, aber das
gestaltet sich schwierig – vor allem, weil sie demnächst eine Hormonbehandlung beginnen will, um auch äußerlich mehr zur Frau zu werden. Dafür braucht sie viel Ruhe. Abgesehen davon, hat sie Angst, dass mit ihrer äußerlichen Veränderung die Belästigungen durch heterosexuelle Campbewohner wieder zunehmen. „Früher litt ich an Depressionen und habe mich selbst geschnitten“, erzählt sie. Vor ihrer Zeit im Münchner Osten wohnte sie in einer Unterkunft im 40 Kilometer entfernten Fürstenfeldbruck und fürchtete dort um Leib und Leben: „You homosexuals have to be killed!“, schrie sie einer ihrer Mitbewohner an. Ihr Zimmer wurde verwüstet. Doch das Wachpersonal war keine Hilfe und zeigte selbst homophobe Tendenzen.

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http://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/verbandsmagazin/2020_03/Bundesteil_3-20.pdf

Der andere Arbeitsmarkt

Cover des BISS-Magazins vom Januar 2020

Text: Gabriele Winter; Fotos: Janek Stroisch

Martin Lindner arbeitet 30 Stunden pro Woche bei Dynamo Fahrradservice

Simona Lombardi hat es geschafft. Seit einem halben Jahr arbeitet die 40-Jährige als Anleiterin im Hauswirtschaftsbereich des „Stadtteilcafé Hasenbergl“. Noch vor vier Jahren konnte sich die alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen gar nicht vorstellen, je wieder auf die Beine zu kommen. Als selbstständige Gastronomin war sie gescheitert und saß mit einem Säugling und einem Kleinkind auf einem Berg von Schulden. Mit der Rückzahlung geriet sie in Verzug und sie wurde gerichtlich zu Sozialstunden beim „Café Netzwerk“ verurteilt. „Im Grunde war das ein Glück“, sagt Simona Lombardi heute. Denn so lernte sie die Einrichtung kennen und absolvierte dort eine Umschulung zur Restaurantfachfrau. Anschließend konnte Simona Lombardi durch die finanzielle Unterstützung von BISS den Ausbildereignungsschein machen und bewerkstelligte den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. Damit gehört sie zu den 13 Prozent der Menschen auf dem zweiten Arbeitsmarkt, die in den ersten Arbeitsmarkt wechseln. Was sich zunächst nach wenig anhört, ist für Dr. Anneliese Durst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München ein großer Erfolg: „Die Betroffenen sind ja meist seit Jahren arbeitslos und haben mehrere sogenannte Vermittlungshemmnisse.“ Manche haben Schulden und sind alleinerziehend wie Simona Lombardi. Andere kämpfen mit psychischen und körperlichen Krankheiten, Sucht oder Sprachbarrieren. Um den schwer vermittelbaren Menschen eine Teilhabe am Arbeitsmarkt zu ermöglichen, bezuschusst die Stadt München 32 Soziale Betriebe mit zehn Millionen Euro jährlich.

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Goldener Boden mit gläserner Decke?

Wie sich Handwerkerinnen in Männerberufen behaupten

Foto: Magdalena Jooß

Handwerk hat goldenen Boden – aber meist nur für Männer. Während typisch weibliche Handwerks-Berufe wie Friseurin oder Schneiderin zum Niedriglohn-Segment gehören, haben es Frauen in den besser bezahlten Jobs oft schwer: viele Chefs und auch Frauen selbst denken, sie seien für viele Handwerksberufe nicht geeignet. Oft werden körperliche Schwäche oder mangelndes technisches Verständnis angeführt. Und obwohl Initiativen wie der Girls‘ Day versuchen, Hemmschwellen abzubauen, sind weibliche Azubis in der Bau- oder Metallbranche sehr schwach vertreten. Nicht mal 10 Prozent der Auszubildenden dort sind weiblich. Grund für diese geringe Anzahl sind nicht zuletzt Vorurteile auf beiden Seiten. Weibliche Lehrlinge kämpfen mit Sexismus im Betrieb oder denken, sie müssten dort mit Sexismus rechnen. Auch das Gefühl physisch dem Job nicht gewachsen zu sein, schreckt viele ab. Dabei wird in heutigen Betrieben das Heben und Tragen von schweren Lasten zum größten Teil von Maschinen übernommen. Kleine Erfolge der gesellschaftlichen Diskussion zeigen sich auch bereits, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB): die Frauenquote in manchen Handwerksberufen wie Bäcker oder Maler und Lackierer steigt. „Offenbar braucht es viel Geduld und Zeit, um Mädchen von den Vorteilen der in der Regel viel besser bezahlten Männerberufe zu überzeugen“, meint BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Fortschritte gab es zum Beispiel bei den Mechatroniker-Azubis. Dort stieg die Frauenquote von knapp vier auf gut sieben Prozent. Doch der Weg zur Gender Equality ist noch weit. Wir haben drei junge Handwerkerinnen getroffen, die uns vom Arbeiten im männlichen Umfeld erzählt haben.

Malermeisterin Tatjana macht klare Ansagen

„Du musst halt einfach auf den Tisch hauen können!“, antwortet Tatjana Blaske, wenn man sie fragt, wie sie im hauptsächlich männlichen Umfeld zurechtkommt. Sie ist geradlinig und schätzt die direkte Kommunikation. Dadurch konnte sie sich in verschiedenen Betrieben und in ihrer eigenen Firma meistens gut durchsetzen. Allerdings war ihr Weg nicht immer einfach. Obwohl sie schon immer wusste, dass sie Malerin werden wollte und viel Kreativität und Talent mitbrachte, „durfte (sie) in München im ersten Lehrjahr keinen Pinsel in die Hand nehmen“. Sie wechselte dann in einen größeren Betrieb, weil sie dachte, da lernt man mehr, „aber mein Chef war ein ‚Grattler‘ und ich musste die ganze Zeit Eimer schleppen und hab nix gelernt.“ Irgendwann reichte es ihr, sie ging zur Baustelle nebenan und schilderte dem dortigen Malermeister ihre Situation. Er verlegte das Bewerbungsgespräch auf das Oktoberfest und stellte sie ein. Da durfte sie erstmals „wirklich ran an die Materie“. Dummerweise musste der Betrieb nach einem Jahr Insolvenz anmelden und Tatjana hatte ihre Ausbildung noch nicht beendet. Weil ihr das frühe Aufstehen und das Pendeln nach München zu viel wurde, suchte sie in ihrer Heimat, der Miesbacher Gegend, einen neuen Ausbildungsbetrieb. Das war ihr Glück, denn bei ihrem nächsten Chef in Warngau lernte sie alte Maler-Techniken, wie Holzimitation, und schloss die Gesellenprüfung mit Bravour ab. „Als Gesellenstück habe ich ein Snowboard mit Marmorierung gemacht,“ erzählt sie. Auch der Chef war von Tatjanas Kreativität begeistert und übernahm sie. Nach einer Weile drängte es Tatjana Blaske allerdings zu neuen Ufern. „Ich habe mir einen etwas expressiveren Betrieb gesucht, doch nach einem Jahr sagte mein neuer Chef zu mir: ‚Tatjana, ich glaube, es ist jetzt besser, wenn du auf die Meisterschule gehst`.“

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Der letzte Umzug

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen

Edeltraud Moser; Foto Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.

BACK TO THE ROOTS

Zufällig ist sie jetzt genau an den Ort zurückgekehrt, an dem sie 35 Jahre lang als kaufmännische Angestellte beschäftigt war. Das Pflegezentrum der Inneren Mission steht nämlich auf dem ehemaligen Siemensgelände. Vom Flurfenster aus kann sie das leer stehende Siemenshochhaus sehen und in Erinnerungen schwelgen. Sie erinnert sich an die vielfältigen Aufgaben, die sie im Konzern zu erledigen hatte, und berichtet von Betriebsausflügen und Firmenfeiern. Neben Sekretariat und Vorzimmer betreute sie ausländische Gäste – ganz ohne Englischkenntnisse. „Das bedaure ich sehr, dass ich so schlecht in Fremdsprachen bin, denn ich habe auch drei Neffen in England und Australien, die nur Englisch können, und mit denen kann ich mich gar nicht unterhalten.“ Eigene Kinder hat Edeltraut Moser nicht, aber manchmal besuchen sie die Cousinen und deren Kinder.

ERSATZFAMILIE

Frau Mosers Familie war vor allem Siemens. Von den wenigen Dingen, die sie aus ihrer Wohnung ins Heim mitnehmen konnte, spielen die Alben eine zentrale Rolle. Neben den Fotos und Glückwünschen von Kollegen finden sich dort auch Tuschezeichnungen vom Gelände. Man merkt, wie wichtig Edeltraut Moser ihr Beruf war und wie sehr sie aus den Erinnerungen Kraft zieht. Für sie waren es damals goldene Zeiten, was sich auch in ihrer Rente niederschlägt, denn ohne die Betriebsrente ließe sich ein Umzug in ein Einzelzimmer nicht so ohne Weiteres realisieren.

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Eine Hand stärkt die andere

https://www.wg-mw.de

Gewerbetreibende in der Ludwigsvorstadt

Birgit Kroner könnte täglich die Wände hochgehen. In ihrer Physiotherapie-Praxis in der Gollierstraße 47 hat sie nämlich eine Kletterwand. An der zeigt sie ihren Patienten, wie Klettern Rücken und Glieder stärkt. Viele Bewohner im Westend und Büroangestellte von der Schwanthaler Höhe kommen in ihre Praxis. „Meine Klienten sind ein Querschnitt durch die Bevölkerung“, stellt Kroner fest und betont, dass es nicht immer nur die Bewegungsmuffel sind, denen irgendwann etwas weh tut, sondern auch die überambitionierten Sportler: „Die fangen nicht mit Walking an, sondern gleich mit Triathlon“. Eine weitere Gruppe, sind Leute wie Silvio Weindinger. Der Metzger hat seinen Laden ein paar Meter von der Physiopraxis entfernt. Silvio Weindinger hat einen anstrengenden Job. Deshalb war er auch schon auf der Liege von Physiotherapeutin Birgit Kroner. Frühmorgens muss er zum Schlachthof. Dort kauft er vor allem Fleisch für seinen kleinen Eckladen, den er seit 20 Jahren gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Die beiden stammen aus Thüringen und haben die Metzgerei von einer Tante übernommen. Würste, Leberkäs und Salate für den Imbiss machen sie weitgehend selbst. An Kundschaft – vor allem aus der Genossenschaft und den umliegenden Straßen – mangelt es ihnen nicht. „In diesem Sommer gingen vor allem die eingelegten Steaks sehr gut weg“, schwärmt Silvio Weindinger.

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Mareike Leimeisters Schwimmende Riesen

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Mareike Leimeister betreut Offshore-Windanlagen
Mareike Leimeister
Ihre Leidenschaft ist über 100 Meter lang und wiegt so viel wie 250 Elefanten. Was fasziniert Sie so an Windanlagen?

Windparks in Nord- und Ostsee werden in Zukunft eine noch größere Rolle als Energielieferant in Deutschland spielen. Bis 2030 sollen sich Offshore-Anlagen mit einer Gesamtleistung von 15 Gigawatt vor den Küsten Deutschlands drehen. Damit können bis zu 15 Millionen Haushalte mit sauberem Strom versorgt werden. Das zu ermöglichen begeistert mich.

Wann entdeckten Sie Ihr Interesse an den erneuerbaren Energien?

Im Grunde schon in der Schulzeit. Obwohl meine Interessen breit gefächert sind und ich auch viel musiziere und Sport treibe, zog es mich besonders zur Mathematik hin. Ich nahm an diversen Mathe-Wettbewerben teil, weil ich einfach das mathematische Denken und die Kreativität sehr mochte. Dann kam ich bei der Fraunhofer-Talent-School mit Themen wie Energiegewinnung und erneuerbaren Energien in Berührung und legte damit den Grundstein für meine weitere Laufbahn.

Was gab den Ausschlag für Ihre Entscheidung, den Bachelor im Fach Erneuerbare Energien an der Universität Stuttgart machen?

Bei der Studienwahl sollte man auf seine Interessen schauen und nicht darauf, was man verdienen kann oder wo die besten Karrierechancen liegen. Schon während des Bachelor-Studiums hatte ich das Bedürfnis, die unterschiedlichen Energieformen tiefer kennen zu lernen und habe mich schließlich auf Kinetische Energiesysteme spezialisiert. Außerdem habe ich einen Ausflug in die Bionik gemacht. Diese Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Übertragen von Phänomenen der Natur auf die Technik. Ein bekanntes Beispiel aus der Geschichte ist Leonardo da Vincis Idee, den Vogelflug auf Flugmaschinen zu übertragen. Erkenntnisse aus der Natur lassen sich auch gut auf Windanlagen übertragen.

Mussten Sie auch mal Rückschläge hinnehmen?

Natürlich. Die Betreuung meiner Bachelor-Arbeit lief nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Und einige Firmen, mit denen ich mir eine Masterarbeit hätte vorstellen können, reagierten nur verhalten – das war zunächst schon enttäuschend. Deshalb war ich froh, dass es für meine Masterarbeit schließlich zu einer Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES in Bremerhaven kam – was am Ende wunderbar klappte.

Für Ihren European Wind Energy Master in Wind-Energie und Offshore-Engineering kamen Sie ziemlich viel rum …

Genau, das Programm führte mich zu Universitäten in Holland, Norwegen und Dänemark. Die Vorlesungen fanden auf Englisch statt, auch meine Masterarbeit schrieb ich auf Englisch. An jeder der Unis konnte ich die besten Kurse besuchen, alles war gut aufeinander abgestimmt. Diese internationale Erfahrung finde ich unbezahlbar. So konnte ich an jeder Uni Kontakte zu Professoren und Kommilitonen knüpfen, auf die ich heute immer wieder zurückgreife.

Woran forschen Sie aktuell am Fraunhofer IWES?

Zum einen an hydrodynamischen Effekten auf große Monopiles (das sind einzelne runde Stahlpfähle, die beim Bau von Offshore-Bauwerken zum Einsatz kommen), zum anderen an der Modellierung beziehungsweise Simulation von schwimmenden Offshore-Windkraft-Anlagen. Als nächstes werde ich im Rahmen eines anderen Projektes auch eine Studie zur Wirkungsgradoptimierung von Windfarmen durchführen. Für meine Promotion untersuche ich zudem noch die schwimmende Substruktur für Windkraftanlagen und wie sich deren Zuverlässigkeit optimieren lässt. Denn bei schwimmenden Offshore-Anlagen hat man immer ein Problem, wenn ein Fehler auftritt, weil man zur Wartung rausfahren muss. Dabei verliert man viel Zeit und Geld. Trotzdem lohnen sich die Windkraftanlagen vor der Küste mehr als Windräder an Land, weil die Windgeschwindigkeit und dadurch auch die Stromerzeugung höher sind.

Zu welchen Schlüssen kommen Sie in Ihrer Doktorarbeit, wie lässt sich die Zuverlässigkeit der Anlagen erhöhen?

Zentral ist hier das Schaffen von Redundanzen. Das heißt das Einbauen verschiedener Mechanismen, die die gleiche Funktion oder eine ähnliche erfüllen. So kann beim Ausfall des einen sofort ein anderer übernehmen. Dadurch hat man größere Zeitfenster, in denen man Reparaturen durchführen kann. Aber ich stehe noch ziemlich am Anfang meiner Doktorarbeit und werde vermutlich drei Jahre dafür benötigen.

Wann kommen Sie zum Schreiben, wo Sie doch jetzt wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer IWES sind?

Ich habe hier eine Teilzeitstelle. Für meine Promotion besuche ich auch Kurse an der Cranfield University in England und splitte meine Zeit. Das geht mit dem Fraunhofer IWES – dort ist man flexibel, das konnte ich ja schon bei meiner Masterarbeit sehen.

Finden Sie dabei nach wie vor Zeit zum Musizieren und Sporttreiben?

Natürlich bin ich nicht mehr so vielschichtig unterwegs wie in meiner Schulzeit. Aber ich spiele Klavier und Saxophon und tobe mich beim Karate, Tanzen und Radfahren aus.

Welche beruflichen Herausforderungen meistern Sie gerade noch?

Ich habe jetzt eine Projektleitung übernommen und soll auch in der nächsten Zeit selbst einen Projektantrag schreiben. Das wird eine neue Erfahrung für mich.

Und wo sehen Sie sich in Zukunft?

Weiter in der Forschung, sei es bei Fraunhofer oder bei einem Unternehmen mit eigener Forschungsabteilung. Windkraftanlagen selbst zu vertreiben, wäre jetzt nicht so mein Ding. Ich will auf jeden Fall gefordert werden und über einem Problem brüten.

Aber es soll etwas mit Windanlagen zu tun haben?

Natürlich. Die könnte man noch um Hybridkonstruktionen erweitern, zum Beispiel Wind und Wellen oder Wind und Gezeiten … ich habe da ein paar Ideen.

Text: Gabriele Winter

Pyrolyse-Praktikum: Hightech-Metalle aus Elektroschrott

Fraunhofer myTalent.de: Tipps & Tricks

Leider hat der Autor keine Bildbeschreibung angegeben.

Was wird aus einem Föhn, der nicht mehr bläst? Im besten Fall landet er in einem neuartigen Reaktor in der Oberpfalz. Der gehört dem dort ansässigen Teil des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT in Sulzbach-Rosenberg und ist in der Lage, aus alten Elektrogeräten wertvolle Teile herauszulösen. Ihr wollt wissen wie? Bewerbt euch für ein Praktikum dort!

Um was geht es?

Das Fraunhofer UMSICHT in Sulzbach-Rosenberg entwickelt Energiespeicher, Abfall- und Rohstoffkonzepte. Dort könnt ihr in verschiedenen Projekten mitarbeiten: zum Beispiel im Projekt „gagendta+“, bei dem ein Reaktor Metalle wie Gold, Silber oder Kupfer aus Elektromüll herauslöst. Jonathan Aigner betreut das Projekt und findet den Pyrolyse-Reaktor vor allem geeignet für mittelständische Unternehmen, denn „er kann 70 Kilo Elektronikschrott in der Stunde verarbeiten“. In einem weiteren Projekt „kunstwerk“ werden Kunststoffe und Metalle zu hochwertigen neuen Werkstoffen kombiniert.

Was könnt ihr dort als Praktikant*in noch machen?

In Sulzbach-Rosenberg führt ihr in der Abteilung Kreislaufwirtschaft Pyrolyse-Versuche mit diversen Fraktionen durch. Zum Beispiel bereitet ihr Elektronikschrott und Altfahrzeuge auf. Aus geschreddertem Elektroschrott werden bei der Pyrolyse leicht recycelbare Bestandteile. Konkret helft ihr dabei, Versuche vorzubereiten und durchzuführen. Anschließend wertet ihr die Messdaten aus und analysiert das Ergebnis.

Wer wird gesucht?

Vorzugsweise Studierende der Fachrichtungen Umweltingenieurwesen, Wirtschaftsingenieurwesen, Verfahrenstechnik oder von etwas Vergleichbarem. In Excel und den anderen MS Office-Anwendungen solltet ihr fit sein. Außerdem solltet ihr gut selbstständig arbeiten können und eine ausgeprägte Kommunikationsfähigkeit mitbringen. Idealerweise habt ihr bereits erste Erfahrungen in Aufbau und Betrieb von verfahrenstechnischen Anlagen vorzuweisen.

Was könnt ihr erwarten?

In Sulzbach-Rosenberg betreibt ihr angewandte Forschung, entwickelt innovative Technologien für öffentliche und industrielle Auftraggeber und setzt diese in marktfähige Produkte und Verfahren um. Zudem lernt ihr internationale Projekte in Kuwait, Tunesien oder im Iran kennen.

Was ist sonst noch wissenswert?

„Beim Fraunhofer UMSICHT arbeiten wir mit einem neuen Ansatz“, sagt Jonathan Aigner. „Die Pyrolyse ist ein technischer Prozess ohne Sauerstoff. Wir reduzieren im Reaktor bei einer Temperatur von 600 Grad den Anteil des Kunststoffs. Daraus wird zuletzt Öl und Gas, das energetisch verwertet werden kann, etwa in einem Blockheizkraftwerk.“

Weitere Infos bekommt ihr von:

M.Eng. Jonathan Aigner

Telefon: 09661 / 908-435

jonathan.aigner@umsicht.fraunhofer.de

http://www.umsicht-suro.fraunhofer.de

Bewerben könnt ihr euch unter:

https://recruiting.fraunhofer.de/Vacancies/35241/Description/1

Text: Gabriele Winter

Foto: Fraunhofer UMSICHT

Entlassen ins sich selbst überlassen

„Die Regularien für Kurzzeitpflege sind teilweise absurd,“ findet Brigitte S.

Von Gabriele Winter (BISS-Magazin Juni 2018)

„Da ist was gebrochen!“ Das ist Mariannes* erster Gedanke, als sie Anfang Januar mit ihren Krücken am Hauptbahnhof stürzt. Die gehbehinderte Frau ist 70 und lebt allein im Westen von München. In der Notaufnahme der Nussbaumklinik diagnostiziert man tatsächlich einen Armbruch – allerdings einen unkomplizierten. Deshalb wird sie mit einer Armschiene versehen und heimgeschickt. Der behandelnde Arzt antwortet auf ihre Aussage, sie sei zuhause ganz alleine und hätte niemand zur Versorgung, dies sei „die Notaufnahme und kein Sozialdienst“. Drei Wochen lang gelingt es ihr trotz regelmäßigen Anrufen bei Pflegediensten, Bezirkssozialarbeit, der behandelnden Ärztin und deren Sprechstundenhilfen nicht, professionelle pflegerische Hilfe zu erhalten. Der Pflegedienst bei ihr um die Ecke sagt, sie hätten keine Kapazitäten für eine Grundpflege in den kommenden Wochen. Marianne kann mit ihrer Verletzung nicht mehr selbst einkaufen, kochen oder sich waschen. Sie lebt von dem was Nachbarn ihr vorbeibringen und hat damit noch Glück – sie muss nur drei Wochen im gleichen Pullover rumsitzen. Denn viele Menschen werden nach einem immer kürzer werdenden Krankenhausaufenthalt entlassen und haben niemanden.

Seit Oktober 2017 sind Krankenhäuser verpflichtet, wenn nötig, für ihre Patienten eine Kurzzeit- oder Anschlusspflege zu organisieren – allerdings gilt das nicht für ambulant behandelte Patienten. Gleichzeitig müssen die Kliniken sicherstellen, dass die Patienten benötigte Medikamente mitbekommen und von Fachärzten weiterbehandelt werden. Bei der herrschenden Personalknappheit in den Krankenhäusern wird das allerdings oft „vergessen“. Gerade ältere Menschen wissen oft nicht, dass sie auf solche Dienstleistungen Anspruch hätten und selbst wenn die Krankenhäuser alles richtigmachen, findet sich nicht immer ein Kurzzeit-Pflegedienst.

Brigitte S. (67) zum Beispiel wurde im Schwabinger Krankenhaus zwar gefragt, ob sie allein lebe, aber Hoffnung auf professionelle Hilfe hat man ihr nicht gemacht: „Die Schwester sagte, es sei sowieso schwierig, Reha, Haushaltshilfe oder Pflege zu bekommen“, erinnert sich Brigitte. Den Sozialdienst des Schwabinger Krankenhauses bekam sie nicht zu Gesicht. Brigitte war im Dezember beim Joggen gestürzt und hatte sich die Schulter gebrochen. Nach der Operation hatte sie wochenlang immer wieder Schmerzen und konnte den Arm am Anfang kaum bewegen. Auch Brigitte war auf Hilfe beim Waschen und im Haushalt angewiesen. Allerdings ist sie sozial gut vernetzt und bat ihre Freundinnen um Unterstützung. Von ihrer Krankenkasse erfuhr sie dann, dass sie eine ihrer privaten Helferinnen mit 5,25 Euro pro Stunde entschädigen kann. Dafür brauchte sie aber erst eine Bestätigung des Arztes und musste ganz genau aufschlüsseln „wer, wann, wie lange da war“. Hinzu kam noch ein Eigenanteil von fünf Euro pro Tag. Am Schluss waren es 125 Euro, die die Krankenkasse übernahm. Streng genommen sind dabei allerdings pflegerische Leistungen – wozu auch das Waschen gehört – ausgenommen. Nur professionelle Pfleger dürfen solche Leistungen gegen Geld erbringen und bekämen dann auch einen höheren Stundensatz von der Krankenkasse. „Absurd“ findet Brigitte das. „Gerade beim Haarewaschen und Duschen brauchte ich am dringendsten Hilfe“, erzählt sie und fragt sich, wie Leute ohne ausreichende Deutschkenntnisse oder mit geistigen Einschränkungen diesen Wust an Formularen und Anträgen bewältigen.

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Hüterin des Lichts – oder wie man Kratzer im Lack findet

Karriere bei Fraunhofer

Als Kind wollte Petra Gospodnetic unbedingt Astronautin werden – „und wenn das nicht geht, Wissenschaftlerin“. Letzteres klappte. Seit knapp drei Jahren ist die 27jährige nun am Fraunhofer-Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik ITWM und untersucht die Qualität von Oberflächen mithilfe von Licht. Sie entwickelt Algorithmen zur automatischen Oberflächen-Inspektion unter Zuhilfenahme eines Roboterarms, der sich um den Gegenstand dreht. Dadurch lassen sich alle Oberflächen, von der Autokarosserie bis zum Ledermantel, auf Schäden prüfen.

https://www.komm-mach-mint.de/MINT-Life/MINT-Interviews/Informatik

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Sabine Wronski im Kampf gegen Keime

Sabine Wronski

Wenn die nächste Grippewelle Deutschland im Griff hat, ist Sabine Wronskis Thema wieder in aller Munde. Die Humanbiologin (37) erforscht die Bekämpfung von Viren und multiresistenten Keimen. Seit Januar hat sie dabei sogar Unterstützung aus Australien.

Sie arbeiten maßgeblich mit an dem deutsch-australischen Projekt iCAIR. Worum geht es da?

Die Abkürzung iCAIR steht für International Consortium for Anti-Infective Research. Wir vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM arbeiten in diesem Projekt zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover und dem australischen Institute for Glycomics (IfG) an der Entwicklung neuer Medikamente gegen Infektionskrankheiten – insbesondere der Lunge.

Was genau ist Ihre Aufgabe dabei?

Die Australierinnen und Australier bringen ihre große Erfahrung ein, antivirale Moleküle zum Beispiel gegen Grippeviren zu entwickeln. Wir am Fraunhofer ITEM testen dann die Wirksamkeit dieser Moleküle, etwa mit einer Modell-Lunge in der Petrischale. Wir entwickeln hier neue innovative Modelle, die die Krankheit der Patientin oder des Patienten möglichst gut im Labor abbilden, und darin testen wir dann neue Substanzen. Mich fasziniert vor allem, dass wir die Brücke von der Grundlagenforschung bis hin zur Prüfung im Patienten darstellen.

 

Was haben Sie studiert und warum?

Biologie hat mich schon in meiner Schulzeit im Erzgebirge sehr interessiert. Nach dem Abitur entschloss ich mich, Humanbiologie mit Schwerpunkt Immunologie und Pharmakologie zu studieren und mich damit Richtung „Life Science“ zu orientieren. Den Studiengang boten damals nur Marburg und Greifswald an – ich entschied mich für die Ostsee. Ich dachte anfangs, hier könnte ich auch noch Segeln lernen – aber zu Ende gebracht habe ich den Segelkurs nicht. Die vielen Praktika fesseln einen die meiste Zeit ans Labor. Im Nachhinein war das gut so, denn dadurch bekam ich schon einen guten Einblick in die praktische Arbeit.

Sie empfehlen also künftigen Nachwuchs-Biologinnen auch Praktika?

Unbedingt. Nur so bekommt man eine klare Vorstellung, ob einem der jeweilige Bereich wirklich liegt, denn die Anforderungen der täglichen Arbeit unterscheiden sich am Ende sehr von dem was man an der Uni lernt.

Was fasziniert Sie an der angewandten Forschung?

Ich möchte, dass meine Forschung sichtbar wird, auch außerhalb der Labore. Nur an der Uni zu bleiben und ein Molekül zu erforschen, das wäre nicht mein Ding. Ich will wissen, was man mit den untersuchten Molekülen machen und wie man Patientinnen und Patienten damit helfen kann. Bei meinem Bewerbungsgespräch am Fraunhofer ITEM ging es um Neuroimmunologie, das Thema meiner Doktorarbeit. Ich war damals sehr beeindruckt, als ich von einem Kollegen 3D-Mikroskop-Videoaufnahmen sah. Die zeigten, wie Immunzellen an den Nerven sitzen und dort scheinbar interagieren. An Fraunhofer gefällt mir diese spezielle Mischung aus Forschung und Industrie.

Worum ging es in Ihrer Doktorarbeit?

Ich bin der Frage nachgegangen, wie diese Interaktion zwischen Immunzellen aussieht und welche Rolle dies im Asthma spielt. Das war durchaus eine Herausforderung, denn im Labor lief nicht alles rund: Ich hatte lange versucht, eine bestimmte Methode anzuwenden, um Zellen aus der Lunge zu isolieren. Nach zwei Jahren musste ich umschwenken, weil zwar die Methode an sich funktioniert hat, die Zellen für nachfolgende Untersuchungen aber schon zu sehr aktiviert waren. Dabei habe ich gelernt, dass man sich nicht verzetteln darf und einen Plan B braucht.

Wie kamen Sie von den Asthma-Erkrankungen zur Infektionsbiologie?

Asthma-Patientinnen und -Patienten, die eine Virusinfektion bekommen, entwickeln besonders starke Symptome. Ich untersuchte diese virusinduzierte Verschlimmerung des Asthmas und rückte daraufhin die Lungeninfektionen an sich in den Mittelpunkt meiner Arbeit. Denn diese sind in der Spanne von Viren bis Bakterien sehr vielfältig, betreffen Millionen von Menschen und sind durch die zunehmenden Resistenzen eine ernste Gesundheitsbedrohung.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen aus Australien?

Die Australierinnen und Australier haben beeindruckend viel Erfahrung damit, antivirale Medikamente zu entwickeln. Das Team dort hat auch schon ein antivirales Medikament entwickelt, das bereits auf dem Markt ist. Besonders an der Arbeitsweise des IfG ist, dass die Wissenschaftler/innen dort nicht einfach nur Wirkstoffbibliotheken screenen, sondern selbst Moleküle designen. Dadurch passen sie dann auch wirklich genau und sind aktiv.

Was sind die konkreten nächsten Schritte im Projekt iCAIR?

Die Substanzen werden aus Australien zu uns geschickt und dann am Fraunhofer ITEM ausprobiert. Die ersten Moleküle sind bereits angekommen, spätestens gegen Ende des Jahres rechnen wir mit Erfolgen. Dann können wir sagen, inwiefern das Molekül zum Beispiel die Virusvermehrung in unserem Testmodell der menschlichen Lunge unterdrückt. Gleichzeitig sehen wir, wie das Gewebe auf die Infektion antwortet. Das Ergebnis wird dann den australischen Kollegen rückgemeldet – ein iterativer Prozess, bei dem wir immer weiter optimieren. Und wer weiß, vielleicht kommen durch die Arbeit von iCAIR ein paar neue Medikament-Kandidat/innen gegen die nächste Grippewelle heraus.

Text: Gabriele Winter

Bild: Fraunhofer ITEM

http://www.komm-mach-mint.de/MINT-Life/MINT-Interviews/Naturwissenschaften/Sabine-W.2