Goldener Boden mit gläserner Decke?

Wie sich Handwerkerinnen in Männerberufen behaupten

Foto: Magdalena Jooß

Handwerk hat goldenen Boden – aber meist nur für Männer. Während typisch weibliche Handwerks-Berufe wie Friseurin oder Schneiderin zum Niedriglohn-Segment gehören, haben es Frauen in den besser bezahlten Jobs oft schwer: viele Chefs und auch Frauen selbst denken, sie seien für viele Handwerksberufe nicht geeignet. Oft werden körperliche Schwäche oder mangelndes technisches Verständnis angeführt. Und obwohl Initiativen wie der Girls‘ Day versuchen, Hemmschwellen abzubauen, sind weibliche Azubis in der Bau- oder Metallbranche sehr schwach vertreten. Nicht mal 10 Prozent der Auszubildenden dort sind weiblich. Grund für diese geringe Anzahl sind nicht zuletzt Vorurteile auf beiden Seiten. Weibliche Lehrlinge kämpfen mit Sexismus im Betrieb oder denken, sie müssten dort mit Sexismus rechnen. Auch das Gefühl physisch dem Job nicht gewachsen zu sein, schreckt viele ab. Dabei wird in heutigen Betrieben das Heben und Tragen von schweren Lasten zum größten Teil von Maschinen übernommen. Kleine Erfolge der gesellschaftlichen Diskussion zeigen sich auch bereits, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB): die Frauenquote in manchen Handwerksberufen wie Bäcker oder Maler und Lackierer steigt. „Offenbar braucht es viel Geduld und Zeit, um Mädchen von den Vorteilen der in der Regel viel besser bezahlten Männerberufe zu überzeugen“, meint BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Fortschritte gab es zum Beispiel bei den Mechatroniker-Azubis. Dort stieg die Frauenquote von knapp vier auf gut sieben Prozent. Doch der Weg zur Gender Equality ist noch weit. Wir haben drei junge Handwerkerinnen getroffen, die uns vom Arbeiten im männlichen Umfeld erzählt haben.

Malermeisterin Tatjana macht klare Ansagen

„Du musst halt einfach auf den Tisch hauen können!“, antwortet Tatjana Blaske, wenn man sie fragt, wie sie im hauptsächlich männlichen Umfeld zurechtkommt. Sie ist geradlinig und schätzt die direkte Kommunikation. Dadurch konnte sie sich in verschiedenen Betrieben und in ihrer eigenen Firma meistens gut durchsetzen. Allerdings war ihr Weg nicht immer einfach. Obwohl sie schon immer wusste, dass sie Malerin werden wollte und viel Kreativität und Talent mitbrachte, „durfte (sie) in München im ersten Lehrjahr keinen Pinsel in die Hand nehmen“. Sie wechselte dann in einen größeren Betrieb, weil sie dachte, da lernt man mehr, „aber mein Chef war ein ‚Grattler‘ und ich musste die ganze Zeit Eimer schleppen und hab nix gelernt.“ Irgendwann reichte es ihr, sie ging zur Baustelle nebenan und schilderte dem dortigen Malermeister ihre Situation. Er verlegte das Bewerbungsgespräch auf das Oktoberfest und stellte sie ein. Da durfte sie erstmals „wirklich ran an die Materie“. Dummerweise musste der Betrieb nach einem Jahr Insolvenz anmelden und Tatjana hatte ihre Ausbildung noch nicht beendet. Weil ihr das frühe Aufstehen und das Pendeln nach München zu viel wurde, suchte sie in ihrer Heimat, der Miesbacher Gegend, einen neuen Ausbildungsbetrieb. Das war ihr Glück, denn bei ihrem nächsten Chef in Warngau lernte sie alte Maler-Techniken, wie Holzimitation, und schloss die Gesellenprüfung mit Bravour ab. „Als Gesellenstück habe ich ein Snowboard mit Marmorierung gemacht,“ erzählt sie. Auch der Chef war von Tatjanas Kreativität begeistert und übernahm sie. Nach einer Weile drängte es Tatjana Blaske allerdings zu neuen Ufern. „Ich habe mir einen etwas expressiveren Betrieb gesucht, doch nach einem Jahr sagte mein neuer Chef zu mir: ‚Tatjana, ich glaube, es ist jetzt besser, wenn du auf die Meisterschule gehst`.“

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Wie Kinder spielerisch Deutsch lernen

Mehr als ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.
In Städten wie München sind es sogar über 60 Prozent. Jedes vierte Kind spricht zu Hause kein Deutsch und hat auch im Umfeld wenig Gelegenheit dazu. In den Kindergärten und Schulen fehlt häufig das Personal für eine qualifizierte Sprachförderung, deshalb haben sich in den vergangenen 20 Jahren einige erfolgreiche Sprachlernprogramme für Kinder etabliert

Wenn Marina aus der Ukraine schwärmt: „Ich bin ganz verliebt in HIPPY“, meint sie keine langhaarigen Anhänger der Flower-Power-Bewegung, sondern das Sprachlernprogramm HIPPY (Home Interaction Program for Preschool Youngsters). Es wurde in den 60er-Jahren an der Hebrew University in Jerusalem entwickelt und wird weltweit bei der Frühförderung von Kindern mit Migrationserfahrung eingesetzt. Das Besondere an HIPPY ist, dass auch die Eltern mit ins Boot geholt
werden und spielerisch gemeinsam mit den Kindern tiefer in die
deutsche Sprache einsteigen. So trifft sich Marina an zwei Vormittagen im Monat mit etwa zwölf anderen Müttern – und manchmal auch Vätern – in Berg am Laim. Gemeinsam sprechen sie mit der Sozialpädagogin Beate Wiedmann über die „Hausaufgaben“ der kommenden Woche. Wiedmann ist in München eine HIPPYanerin der ersten Stunde und leitet das Gruppentreffen mit Unterstützung der Elterntrainerin Iman Ali. Heute geht es um das Thema Aussehen und Mobbing.

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Der letzte Umzug

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen

Edeltraud Moser; Foto Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.

BACK TO THE ROOTS

Zufällig ist sie jetzt genau an den Ort zurückgekehrt, an dem sie 35 Jahre lang als kaufmännische Angestellte beschäftigt war. Das Pflegezentrum der Inneren Mission steht nämlich auf dem ehemaligen Siemensgelände. Vom Flurfenster aus kann sie das leer stehende Siemenshochhaus sehen und in Erinnerungen schwelgen. Sie erinnert sich an die vielfältigen Aufgaben, die sie im Konzern zu erledigen hatte, und berichtet von Betriebsausflügen und Firmenfeiern. Neben Sekretariat und Vorzimmer betreute sie ausländische Gäste – ganz ohne Englischkenntnisse. „Das bedaure ich sehr, dass ich so schlecht in Fremdsprachen bin, denn ich habe auch drei Neffen in England und Australien, die nur Englisch können, und mit denen kann ich mich gar nicht unterhalten.“ Eigene Kinder hat Edeltraut Moser nicht, aber manchmal besuchen sie die Cousinen und deren Kinder.

ERSATZFAMILIE

Frau Mosers Familie war vor allem Siemens. Von den wenigen Dingen, die sie aus ihrer Wohnung ins Heim mitnehmen konnte, spielen die Alben eine zentrale Rolle. Neben den Fotos und Glückwünschen von Kollegen finden sich dort auch Tuschezeichnungen vom Gelände. Man merkt, wie wichtig Edeltraut Moser ihr Beruf war und wie sehr sie aus den Erinnerungen Kraft zieht. Für sie waren es damals goldene Zeiten, was sich auch in ihrer Rente niederschlägt, denn ohne die Betriebsrente ließe sich ein Umzug in ein Einzelzimmer nicht so ohne Weiteres realisieren.

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Eine Hand stärkt die andere

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Gewerbetreibende in der Ludwigsvorstadt

Birgit Kroner könnte täglich die Wände hochgehen. In ihrer Physiotherapie-Praxis in der Gollierstraße 47 hat sie nämlich eine Kletterwand. An der zeigt sie ihren Patienten, wie Klettern Rücken und Glieder stärkt. Viele Bewohner im Westend und Büroangestellte von der Schwanthaler Höhe kommen in ihre Praxis. „Meine Klienten sind ein Querschnitt durch die Bevölkerung“, stellt Kroner fest und betont, dass es nicht immer nur die Bewegungsmuffel sind, denen irgendwann etwas weh tut, sondern auch die überambitionierten Sportler: „Die fangen nicht mit Walking an, sondern gleich mit Triathlon“. Eine weitere Gruppe, sind Leute wie Silvio Weindinger. Der Metzger hat seinen Laden ein paar Meter von der Physiopraxis entfernt. Silvio Weindinger hat einen anstrengenden Job. Deshalb war er auch schon auf der Liege von Physiotherapeutin Birgit Kroner. Frühmorgens muss er zum Schlachthof. Dort kauft er vor allem Fleisch für seinen kleinen Eckladen, den er seit 20 Jahren gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Die beiden stammen aus Thüringen und haben die Metzgerei von einer Tante übernommen. Würste, Leberkäs und Salate für den Imbiss machen sie weitgehend selbst. An Kundschaft – vor allem aus der Genossenschaft und den umliegenden Straßen – mangelt es ihnen nicht. „In diesem Sommer gingen vor allem die eingelegten Steaks sehr gut weg“, schwärmt Silvio Weindinger.

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Entlassen ins sich selbst überlassen

„Die Regularien für Kurzzeitpflege sind teilweise absurd,“ findet Brigitte S.

Von Gabriele Winter (BISS-Magazin Juni 2018)

„Da ist was gebrochen!“ Das ist Mariannes* erster Gedanke, als sie Anfang Januar mit ihren Krücken am Hauptbahnhof stürzt. Die gehbehinderte Frau ist 70 und lebt allein im Westen von München. In der Notaufnahme der Nussbaumklinik diagnostiziert man tatsächlich einen Armbruch – allerdings einen unkomplizierten. Deshalb wird sie mit einer Armschiene versehen und heimgeschickt. Der behandelnde Arzt antwortet auf ihre Aussage, sie sei zuhause ganz alleine und hätte niemand zur Versorgung, dies sei „die Notaufnahme und kein Sozialdienst“. Drei Wochen lang gelingt es ihr trotz regelmäßigen Anrufen bei Pflegediensten, Bezirkssozialarbeit, der behandelnden Ärztin und deren Sprechstundenhilfen nicht, professionelle pflegerische Hilfe zu erhalten. Der Pflegedienst bei ihr um die Ecke sagt, sie hätten keine Kapazitäten für eine Grundpflege in den kommenden Wochen. Marianne kann mit ihrer Verletzung nicht mehr selbst einkaufen, kochen oder sich waschen. Sie lebt von dem was Nachbarn ihr vorbeibringen und hat damit noch Glück – sie muss nur drei Wochen im gleichen Pullover rumsitzen. Denn viele Menschen werden nach einem immer kürzer werdenden Krankenhausaufenthalt entlassen und haben niemanden.

Seit Oktober 2017 sind Krankenhäuser verpflichtet, wenn nötig, für ihre Patienten eine Kurzzeit- oder Anschlusspflege zu organisieren – allerdings gilt das nicht für ambulant behandelte Patienten. Gleichzeitig müssen die Kliniken sicherstellen, dass die Patienten benötigte Medikamente mitbekommen und von Fachärzten weiterbehandelt werden. Bei der herrschenden Personalknappheit in den Krankenhäusern wird das allerdings oft „vergessen“. Gerade ältere Menschen wissen oft nicht, dass sie auf solche Dienstleistungen Anspruch hätten und selbst wenn die Krankenhäuser alles richtigmachen, findet sich nicht immer ein Kurzzeit-Pflegedienst.

Brigitte S. (67) zum Beispiel wurde im Schwabinger Krankenhaus zwar gefragt, ob sie allein lebe, aber Hoffnung auf professionelle Hilfe hat man ihr nicht gemacht: „Die Schwester sagte, es sei sowieso schwierig, Reha, Haushaltshilfe oder Pflege zu bekommen“, erinnert sich Brigitte. Den Sozialdienst des Schwabinger Krankenhauses bekam sie nicht zu Gesicht. Brigitte war im Dezember beim Joggen gestürzt und hatte sich die Schulter gebrochen. Nach der Operation hatte sie wochenlang immer wieder Schmerzen und konnte den Arm am Anfang kaum bewegen. Auch Brigitte war auf Hilfe beim Waschen und im Haushalt angewiesen. Allerdings ist sie sozial gut vernetzt und bat ihre Freundinnen um Unterstützung. Von ihrer Krankenkasse erfuhr sie dann, dass sie eine ihrer privaten Helferinnen mit 5,25 Euro pro Stunde entschädigen kann. Dafür brauchte sie aber erst eine Bestätigung des Arztes und musste ganz genau aufschlüsseln „wer, wann, wie lange da war“. Hinzu kam noch ein Eigenanteil von fünf Euro pro Tag. Am Schluss waren es 125 Euro, die die Krankenkasse übernahm. Streng genommen sind dabei allerdings pflegerische Leistungen – wozu auch das Waschen gehört – ausgenommen. Nur professionelle Pfleger dürfen solche Leistungen gegen Geld erbringen und bekämen dann auch einen höheren Stundensatz von der Krankenkasse. „Absurd“ findet Brigitte das. „Gerade beim Haarewaschen und Duschen brauchte ich am dringendsten Hilfe“, erzählt sie und fragt sich, wie Leute ohne ausreichende Deutschkenntnisse oder mit geistigen Einschränkungen diesen Wust an Formularen und Anträgen bewältigen.

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Schrauben, die zum Körper passen

Schraubnagel
Fraunhofer.de

Zu Beginn der Skisaison herrscht in der Regel Hochbetrieb in den alpenländischen Unfallkliniken. Einige Patienten haben danach ziemlich viel Metall im Körper. Denn gerade komplizierte Knochenbrüche werden meist mit Schrauben und Platten aus Titan oder Stahl fixiert. Später müssen sie in einer weiteren Operation entfernt werden. Das ist aufwendig und belastend für die Patienten.

Bleiben die Schrauben im Körper, lösen sie bei empfindlichen Menschen Entzündungen oder Allergien aus. Diese Beschwerden könnten bald Geschichte sein: Forscher des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM haben gemeinsam mit Partnern der Uni-Kliniken Gießen-Marburg und Bonn, sowie der Universität Bremen einen biokeramischen Schraubnagel entwickelt. Der sogenannte „Schragel“ besteht aus Calciumphosphat, das im Wesentlichen der Zusammensetzung der Knochensubstanz entspricht.

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Eine Frau auf der Walz

Theresa Amrehn ist auf der Durchreise. „Das bin ich immer,“ sagt die junge, schmale Frau und lacht. Beim Kaffee im Müllerschen Volksbad-Café erzählt sie von ihren dreieinhalb Jahren auf Wanderschaft als Kirchenmalergesellin. Vieles hat sie in der Zeit als Frau auf der Walz erlebt, und aufgeschrieben. Inzwischen ist sie in Bonn sesshaft geworden und besucht in München ihre Freundin Birgit, eine Schneiderin, die sie bei der Tippelei, wie man die Walz auch nennt, kennengelernt hat.

Zum Stadtbild gehören Gesellinnen auf der Walz noch nicht gerade, aber langsam werden es auch wieder mehr Frauen, die diese jahrhundertealte Tradition ausüben. Seit dem Spätmittelalter wurden junge Handwerker auf die Walz geschickt um neue Fertigkeiten und Kulturen kennenzulernen. Erst danach durften sie in ihrem Fach die Meisterprüfung ablegen. Durch die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts und veränderte Handwerksregeln geriet diese Tradition vor allem bei den Frauen in Vergessenheit. Mittlerweile sind in Deutschland immerhin 10 Prozent der knapp 500 Gesell/innen auf Wanderschaft weiblich – Tendenz steigend. Allerdings gibt es hierzulande nur zwei Schächte, das sind Vereinigungen von verschiedenen Handwerkern auf der Walz, die Frauen aufnehmen. Deswegen sind die meisten Gesellinnen sogenannte Freireisende, wie Theresa Amrehn eine war.

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Tiergestützte Therapie

BISS-Magazin September 2016

Therapeut auf vier Beinen – Tiergestützte Therapie

Ramses trabt nicht. Gefühlte zehnmal hat er meinen Befehl „Tirapp“ geflissentlich ignoriert. Ich probiere es mal mit der Anweisung „Pommes frites“. Bei Martin Pröttel, der mit pferdgestützter Therapie arbeitet, hat das funktioniert. Er hat mir erklärt, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was man sagt, sondern welche Entschlossenheit man reinlegt. Etwas verkrampft stehe ich in der Reithalle eines Vaterstettener Pferdehofes, in der linken Hand die Longe, an deren Ende Ramses gemütlich im Kreis geht. In der anderen Hand eine Longierpeitsche, die aussieht wie ein etwas dickerer Faden an einem Stäbchen. „Die ist nur symbolisch“, denke ich und bewege kräftig meinen rechten Arm. Es schnalzt, Ramses und ich erschrecken beide. Doch nicht nur symbolisch! „Oje, hab ich ihn jetzt getroffen?!“ Schlechtes Gewissen macht sich schlagartig breit. Martin Pröttel beruhigt mich: „Das ist schon in Ordnung. Nehmen Sie den Druck raus und konzentrieren Sie sich.“ Ich versuche mich zu sammeln, kündige Ramses an, dass es nach einer halben Runde losgeht mit traben. Noch mal „Tirapp“! Und tatsächlich, er trabt.

Selbstwirksamkeit ist eine der Kompetenzen, die Martin Pröttel seinen Patienten in der tiergestützten Therapie vermitteln will. Und dafür sind Pferde seiner Meinung nach ideal, denn sie „lieben es, die Verantwortung für ihr Pferdeleben abzugeben“. Allerdings müssen sich diejenigen auch als würdig erweisen. Das heißt im konkreten Fall, erst muss ich eine Beziehung zum Pferd aufbauen. Dann muss ich mir über mein Ziel klarwerden und dem Pferd durch Körpersprache und Stimme vermitteln, was ich will. Was bei mir und so manchem Manager mit Führungsdefiziten funktioniert, vermittelt Martin Pröttel auch Menschen mit schwerwiegenderen Problemen. Viele seiner Patienten leiden an Depressionen, Essstörungen oder Traumata durch Einsätze in Kriegsgebieten. Oft haben sie den Boden unter den Füßen verloren. Mit Hilfe von Ramses lernen sie, die Zügel für ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.

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Fraunhofer-Forschung zu erdbebensicheren Gebäuden

Erdbebensichere Gebäude 

Indonesien, Neuseeland, Italien – das sind nur drei Länder in denen in den vergangenen Monaten die Erde gebebt hat. Eigentlich bebt die Erde ständig irgendwo. Mehr als zwei Milliarden Menschen leben in erdbebengefährdeten Gebieten. Viele von ihnen bewohnen Gebäude, die alles andere als erdbebensicher sind – und bezahlen dafür nicht selten mit ihrem Leben. Dabei gäbe es Materialien und Bauweisen, die Tausende Leben schützen könnten.

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