Nachverdichtung bis zum Gehtnichtmehr

Im Ottobrunner Vogelviertel zwitschert es bald weniger, denn 71 Bäume sollen neuen Wohnblocks und einer Tiefgarage weichen. Zaunkönig und Zeisig kämen dann vermutlich dort nur noch in den Straßennamen vor. Zumindest, wenn sich die Baupläne des Gemeinderates um Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) durchsetzen. Keine Frage: Günstiger Wohnraum wird in Ballungsräumen wie München dringend benötigt. Doch was wird verdrängt und sind unsere Kommunen dann noch lebenswert? In vielen Stadtteilen Münchens von Harlaching bis
Obermenzing brodelt es, wenn auf den letzten Grünflächen Häuser entstehen, und auch in den Vororten ist die Nachverdichtung angekommen. So finden viele alternative Projekte wie Urban Gardening oder Wagenburgen wie „Hin & Weg“ kaum noch Raum. Jüngstes Beispiel für gefährdete Einrichtungen ist der Aubinger Reitstall. Auf seinem Gelände will das Technische Hilfswerk (THW) eine Fahrzeughalle errichten.

NAchverdichtung BISS 3

Geballte Frauenpower

WGMW-Gewerblerinnen zwischen Westend & Theresienhöhe

Angie Filler-Würstle und Steffi Strauss

»Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt!« Kim Flammiger erhebt sich auf dem Mäuerchen vor ihrer Kindertanzschule auf die Fußspitzen. Die 57jährige ist ein Energiebündel, dem man sofort abnimmt, dass sie jede noch so große Krise meistert. Auch Corona zwingt sie nicht in die Knie, obwohl letzteres oft ganz schön schmerzt. Deshalb lässt sie die längst anstehende Knie-OP jetzt machen, da sie Pandemie-bedingt kaum arbeiten kann. Seit einem Unfall vor sieben Jahren hat sie bereits mehrere Operationen hinter sich gebracht und ist – statt zu Fuß – immer mit ihrem rosaroten Klein-Mobil unterwegs: »Ich kann privat nicht so viel laufen, sonst könnte ich nicht arbeiten. Ich bin schwerbehindert, aber ich habe Muskeln und kann daher einiges kompensieren.«

Rundschau Juli 2021 Gewerbetreibende

Angekommen im Kosmos Hohenschäftlarn

Als man vor gut drei Jahren bei BISS erfuhr, dass ein Hohenschäftlarner dem Verein BISS sein Haus vererbt hat, war die Überraschung und die Freude groß. Niemand hatte den Erblasser Josef Fencl gekannt. Er wollte offenbar Menschen, die nicht so viel Glück gehabt hatten, ein Dach über dem Kopf geben. Fencl selbst musste mit 14 Jahren aus Tschechien fliehen und wusste vermutlich was es heißt, keine Wohnung zu haben. Später baute er als gelernter Maurer das Haus in Hohenschäftlarn für sich, seine Frau und seine behinderte Tochter. Frau und Tochter starben vor ihm, so dass er keine unmittelbaren Nachkommen hatte, als er Ende 2016 mit 85 Jahren starb. Nachdem die Formalitäten geregelt waren, zogen zwei obdachlose BISS-Verkäufer ein. Gleichzeitig wurde das Haus saniert, um noch mehr Leuten Platz zu bieten. Mitte August bezog die neunköpfige Familie Kadri aus Nigeria das obere Stockwerk. Seitdem hat Hohenschäftlarn mitten am Kirchberg elf neue Bewohner*innen.

von Gabriele Winter Angekommen im Kosmos Hohenschäftlarn

Karin Lohr, Geschäftsführerin von BISS

„Wir waren sehr glücklich, dass Herr Fencl so an uns gedacht hat und uns sein Haus vermacht hat. Denn das ist ja eines unserer Hauptanliegen, günstigen Wohnraum zu finden und zur Verfügung zu stellen. Es geht dabei um Solidarität für Leute, die sonst keine Chance haben, auf dem freien Markt etwas zu finden, wie zum Beispiel unsere beiden ehemals obdachlosen BISS-Verkäufer Udo Güldner und Mihai Tajcs. Und auch die Kadris wohnten ja sehr beengt mit ihren sieben Kindern jahrelang in einer Flüchtlingsunterkunft in Höhenkirchen, obwohl sie bereits anerkannt waren und längst hätten ausziehen können. Seit August leben sie nun in Hohenschäftlarn und alle sagen, es läuft super.

Zum Gelingen des Projekts haben aber auch eine ganze Menge Leute beigetragen – angefangen vom Architekten über die Bewohner bis hin zu den Handwerkern und nicht zuletzt Herrn Rubic, der dreimal die Woche nach Hohenschäftlarn fährt, sich um den Garten kümmert und nach dem Rechten sieht. Auch die Nachbarn haben die elf neuen Bewohner am Kirchberg herzlich aufgenommen. Man grüßt einander auf der Straße und hält ein Schwätzchen über den Gartenzaun. Ich denke, wenn Herr Fencl runterschauen würde, würde er sich freuen, weil es so geworden ist, wie er sich das vermutlich vorgestellt hat.“

 

Die Nachbarn

Hohenschäftlarn ist eine kleine Gemeinde mit 5800 Einwohnern in der man sich kennt. Das Ehepaar Arnold, oberhalb des Fencl-Hauses freut sich, „dass sich wieder was rührt“, seit die neuen Bewohner da sind. Auch wenn es insgesamt „ruhiger zugeht als beim Fencl“, meint Regina Schmid, die mit ihrem Mann den Bauernhof auf der anderen Straßenseite führt. „Die Kinder sind sehr gut erzogen und man hört wenig, ganz anders als beim Fencl Sepp, der bei Ernst Mosch und seinen Original Egerländer Musikanten die volle Lautstärke aufdrehte. Eigentlich machen die elf neuen Bewohner weniger Lärm als vorher einer allein!“, lacht Frau Schmid und erzählt, wie die älteste Tochter der Familie Kadri kürzlich klingelte um nach den Zeiten der Müllabfuhr zu fragen. Als hinter Frau Schmid die Katze zum Vorschein kam, machte das Mädchen erschrocken einen Satz zurück. „Ans Landleben müssen sich die Kinder wahrscheinlich noch gewöhnen“, meint Regina Schmid. Erste Kontakte zu den Schmids wurden auch von Herrn Rubic bereits geknüpft. Er kauft dort regelmäßig Milch und Eier. Mit Josef Arnold und seinen Kollegen vom Heimathaus ist Savinko Rubic schon sehr vertraut. In dem kleinen Heimatmuseum hat man die Ausgaben des BISS-Magazins, die mit dem Fencl-Haus in Verbindung stehen bereits im Archiv. Das Heimathaus aus dem Jahr 1492 liegt nur drei Minuten vom Fencl-Haus entfernt und wird von einer sechsköpfigen Arbeitsgruppe um Josef Arnold und Gerd Zattler betreut. Hierher kommen oft Schulklassen aus der Umgebung und schauen sich das bäuerliche Leben der vergangenen Jahrhunderte an.

 

 

Der Bürgermeister

 

Brauchtum wird in Hohenschäftlarn immer noch groß geschrieben – auch wenn „es leider kein Wirtshaus mehr gibt“, sagt Bürgermeister Christian Fürst von der CSU. Dafür existiert ein reges Vereinsleben. Neben der Freiwilligen Feuerwehr gibt es gibt zum Beispiel den Sportverein, indem auch schon einer der Kadri-Jungen Mitglied ist, und den Burschenverein, der sich um den Maibaum kümmert. Normalerweise steht der vor dem Fencl-Haus, aber Corona-bedingt konnte er dieses Jahr nicht aufgestellt werden. Fencl selbst war Mitglied im Trachtenverein und liebte Blasmusik, wovon seine ehemaligen Nachbarn ein Lied singen können. Persönlich hatten Bürgermeister Fürst und Josef Fencl, der eingefleischter Sozialdemokrat war, nichts miteinander zu tun, aber Fürst findet, dass sei „ja noch mal was anderes, wenn ganz andere Bewohner wie Familie Kadri oder Herr Güldner mit seinem stattlichen Bart in den Ortskern ziehen.“ „Ich finde eine soziale Nutzung eines Hauses im Ortskern sehr charmant“, sagt Fürst. Bezahlbarer Wohnraum ist auch in Hohenschäftlarn ein großes Thema. Die Gemeinde möchte nicht, dass die Jungen abwandern und baut vor allem für finanziell schwächere Menschen Wohnungen – „aber in Maßen, denn wir wollen nicht übermäßig wachsen. Die Infrastruktur wächst ja nicht mit, wir haben jetzt schon zu viel Verkehr, hinzu kommen Kindergärten, Schulen, Kläranlagen etc.“. Fürst legt Wert auf sozialen Zusammenhalt in der Gemeinde und kann dabei auf die Tafel und das Familienzentrum zählen. Dort kümmert man sich um die Belange aller, vom Baby bis zu den Senior*innen. Ein weiterer Schwerpunkt, den Christian Fürst sich für seine Amtszeit gesetzt hat, ist die Wiederbelebung von Plätzen und Einkaufsmöglichkeiten. Damit erhört er die Gebete von BISS-Verkäufer Udo Güldner, der sehr gerne mehr vor Ort einkaufen würde.

Die Bewohner

 

Udo Güldner ist eigentlich ein Stadtmensch. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er in München und Dresden, wo er herkommt. Einige Jahre davon auch auf der Straße, denn als Güldners Freundin starb, verlor er nicht nur den Boden unter den Füßen, sondern auch das Dach über dem Kopf. „Meine Freundin hatte sich immer um den ganzen Papierkram gekümmert“. So bekam Güldner erst von der Kündigung seiner Wohnung mit, als es schon zu spät war. Einige Jahre schlief der festangestellte BISS-Verkäufer hauptsächlich am Bahnhof. Als BISS-Sozialarbeiter Johannes Denninger mit ihm das Fencl-Haus besichtigte, griff er sofort zu, obwohl sein neues Domizil über eine Stunde von Güldners Verkaufs-Standort Trudering entfernt liegt. Inzwischen hat er sich ans Landleben gewöhnt und baut sogar Tomaten an. „Das einzige was mich schockiert hat, war im Januar 2019 der viele Schnee. Da musste ich mich förmlich ins Haus buddeln. Und die S-Bahn fiel schon auch manchmal aus.“ Güldner bewohnt mit seinem BISS-Kollegen Mihai Tajcs das Souterrain des ehemaligen Fencl-Hauses. Die beiden sehen sich nicht so oft, weil Güldner meist noch schläft, wenn Tajcs das Haus Richtung München verlässt. Güldners Bio-Rhythmus ist nicht immer Handwerker-kompatibel und er wurde während der Umbau-Arbeiten „schon öfter mal von der Bohrmaschine geweckt“. „Mein Rhythmus ist manchmal auch ein Problem fürs Einkaufen, weil ich erst um neun Uhr abends zurückkomme und die Geschäfte auf dem Weg dann auch nicht mehr aufhaben und wenn ich vorher gehe, müsste ich ja zweimal den Berg rauf und runter.“ Deshalb wünscht Udo Güldner sich einen fahrbaren Untersatz – möglichst mit Benzin betrieben.

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Freiheit in Geborgenheit

Foto: Bethel Fath

Südlich von München, nicht weit entfernt von der Wieskirche, können Menschen mit ihren an Demenz erkrankten Angehörigen Urlaub machen. Wir haben ein Paar in der Langau begleitet.

Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten …“, singt Renate Becker voller Inbrunst. Für sie haben diese Worte eine ganz eigene Bedeutung, denn seit fünf Jahren pflegt die 82-Jährige ihren demenzkranken Mann Claus. Die Gedanken ihres Mannes bleiben für Renate Becker zunehmend ein Geheimnis, denn ihr früher so kommunikativer Partner kann keine komplexen Unterhaltungen mehr
führen. Doch beim Singen fällt ihm der Text noch ein: „… sie fliegen vorbei, wie nächtliche Schatten …“, stimmt Claus mit ein. Die Beckers sitzen mit zwei anderen Paaren, bei denen ein Partner den anderen pflegt, auf der Gartenterrasse der Bildungs- und Erholungsstätte Langau in Steingaden, auf dem Schoß eine Mappe mit Liedern. Die weitläufige Terrasse ist mit Büschen begrenzt und gehört zum Demenzbereich, was aber nur Eingeweihte wissen. Niemand fühlt sich hier eingesperrt und stigmatisiert – gelebte Inklusion also.

https://biss-magazin.de/freiheit-in-geborgenheit/

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Soziale Betriebe in der Corona-Krise

„Aus der Not eine Tugend machen“

Wie viele Betriebe oder Selbstständige sind auch die meisten sozialen Dienstleister und Einrichtungen vom Corona-Shutdown betroffen. Sie leisten wichtige soziale Arbeit und fangen benachteiligte Menschen in ihrem Alltag auf. Das Spektrum reicht von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen bis hin zu Betrieben der Arbeitsförderung und Anbietern von Sprachkursen. Sie alle sind infolge der Coronavirus-Pandemie von schwerwiegenden finanziellen Einbußen bis hin zur Insolvenz bedroht.

„Die Lage ist bitter“, meint Anneliese Durst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft (RAW) der Stadt München, „die Sozialen Betriebe existieren so nicht mehr.“ Karin Majewski, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern, sieht die größten Schwierigkeiten bei den Inklusionsfirmen, die zum Beispiel im Catering tätig sind. Vorerst können nur noch diejenigen Betriebe richtig weiterarbeiten, die eine Sondergenehmigung haben, weil sie systemrelevante Dinge herstellen, wie zum Beispiel die Nähwerkstatt vom Netzwerk Geburt und Familie. Dort wurde die Produktion auf Mundschutze umgestellt.

Mundschutz aus der Nähwerkstatt

Andrea Hubbuch, Geschäftsführerin vom Netzwerk Geburt und Familie (NGUF), hat deshalb keine allzu großen finanziellen Einbußen zu verbuchen: „Es werden wohl nur ein paar Tausend Euro sein“. Zwar musste das Café Netzwerk schließen, aber einzelne Mitarbeiterinnen, die keiner gesundheitlichen Risiko-Gruppe angehören, können zur Arbeit kommen. Sie kümmern sich um die Osterbestellungen und färben Eier oder backen Osterlämmer. Allerdings wurden die meisten Waren-Bestellungen gecancelt, um die Kosten niedrig zu halten. In der Nähwerkstatt arbeiten im Moment acht von 20 Mitarbeiterinnen auf Hochtouren. Sie stellen ausschließlich Mundschutze her. Nadja Meatchi ist eine von ihnen. „Mein Leben ist gerade sehr anstrengend,“ seufzt sie. Ihre drei Kinder im Alter von 9, 14 und 17 Jahren können nicht zur Schule und wollen versorgt und beschäftigt werden. Das ist nicht einfach, vor allem, weil Nadja Meatchi nicht mal eine richtige Wohnung hat, sondern mit ihrer Familie in einer Pension lebt. Sie stammt aus Togo und hat ihren Mann vor drei Jahren verloren. Seitdem versucht sie alles allein zu meistern: eine Wohnung finden, beruflich auf die Beine kommen und die Kinder bestmöglich unterstützen. Gerade letzteres bringt sie in Corona-Zeiten an ihre Grenzen. Der älteste Sohn ist sonst eigentlich auf einem Fußball-Internat in Nürnberg. Er braucht viel Bewegung an der frischen Luft und wird unruhig in einem kleinen Zimmer. Die Familie hat kein Internet und keinen Computer in der Pension, was es schwer macht, die Aufgaben aus den verschiedenen Schulen zu bekommen und zu erledigen. Mit einzelnen Lehrern konnte Nadja Meatchi vereinbaren, dass sie ihr die Arbeitsaufträge per WhatsApp schicken, aber vieles bekommen sie und die Kinder nicht mit oder sie scheitern an den Aufgaben.

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Der andere Arbeitsmarkt

Cover des BISS-Magazins vom Januar 2020

Text: Gabriele Winter; Fotos: Janek Stroisch

Martin Lindner arbeitet 30 Stunden pro Woche bei Dynamo Fahrradservice

Simona Lombardi hat es geschafft. Seit einem halben Jahr arbeitet die 40-Jährige als Anleiterin im Hauswirtschaftsbereich des „Stadtteilcafé Hasenbergl“. Noch vor vier Jahren konnte sich die alleinerziehende Mutter von zwei Mädchen gar nicht vorstellen, je wieder auf die Beine zu kommen. Als selbstständige Gastronomin war sie gescheitert und saß mit einem Säugling und einem Kleinkind auf einem Berg von Schulden. Mit der Rückzahlung geriet sie in Verzug und sie wurde gerichtlich zu Sozialstunden beim „Café Netzwerk“ verurteilt. „Im Grunde war das ein Glück“, sagt Simona Lombardi heute. Denn so lernte sie die Einrichtung kennen und absolvierte dort eine Umschulung zur Restaurantfachfrau. Anschließend konnte Simona Lombardi durch die finanzielle Unterstützung von BISS den Ausbildereignungsschein machen und bewerkstelligte den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt. Damit gehört sie zu den 13 Prozent der Menschen auf dem zweiten Arbeitsmarkt, die in den ersten Arbeitsmarkt wechseln. Was sich zunächst nach wenig anhört, ist für Dr. Anneliese Durst vom Referat für Arbeit und Wirtschaft der Stadt München ein großer Erfolg: „Die Betroffenen sind ja meist seit Jahren arbeitslos und haben mehrere sogenannte Vermittlungshemmnisse.“ Manche haben Schulden und sind alleinerziehend wie Simona Lombardi. Andere kämpfen mit psychischen und körperlichen Krankheiten, Sucht oder Sprachbarrieren. Um den schwer vermittelbaren Menschen eine Teilhabe am Arbeitsmarkt zu ermöglichen, bezuschusst die Stadt München 32 Soziale Betriebe mit zehn Millionen Euro jährlich.

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Goldener Boden mit gläserner Decke?

Wie sich Handwerkerinnen in Männerberufen behaupten

Foto: Magdalena Jooß

Handwerk hat goldenen Boden – aber meist nur für Männer. Während typisch weibliche Handwerks-Berufe wie Friseurin oder Schneiderin zum Niedriglohn-Segment gehören, haben es Frauen in den besser bezahlten Jobs oft schwer: viele Chefs und auch Frauen selbst denken, sie seien für viele Handwerksberufe nicht geeignet. Oft werden körperliche Schwäche oder mangelndes technisches Verständnis angeführt. Und obwohl Initiativen wie der Girls‘ Day versuchen, Hemmschwellen abzubauen, sind weibliche Azubis in der Bau- oder Metallbranche sehr schwach vertreten. Nicht mal 10 Prozent der Auszubildenden dort sind weiblich. Grund für diese geringe Anzahl sind nicht zuletzt Vorurteile auf beiden Seiten. Weibliche Lehrlinge kämpfen mit Sexismus im Betrieb oder denken, sie müssten dort mit Sexismus rechnen. Auch das Gefühl physisch dem Job nicht gewachsen zu sein, schreckt viele ab. Dabei wird in heutigen Betrieben das Heben und Tragen von schweren Lasten zum größten Teil von Maschinen übernommen. Kleine Erfolge der gesellschaftlichen Diskussion zeigen sich auch bereits, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB): die Frauenquote in manchen Handwerksberufen wie Bäcker oder Maler und Lackierer steigt. „Offenbar braucht es viel Geduld und Zeit, um Mädchen von den Vorteilen der in der Regel viel besser bezahlten Männerberufe zu überzeugen“, meint BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser. Fortschritte gab es zum Beispiel bei den Mechatroniker-Azubis. Dort stieg die Frauenquote von knapp vier auf gut sieben Prozent. Doch der Weg zur Gender Equality ist noch weit. Wir haben drei junge Handwerkerinnen getroffen, die uns vom Arbeiten im männlichen Umfeld erzählt haben.

Malermeisterin Tatjana macht klare Ansagen

„Du musst halt einfach auf den Tisch hauen können!“, antwortet Tatjana Blaske, wenn man sie fragt, wie sie im hauptsächlich männlichen Umfeld zurechtkommt. Sie ist geradlinig und schätzt die direkte Kommunikation. Dadurch konnte sie sich in verschiedenen Betrieben und in ihrer eigenen Firma meistens gut durchsetzen. Allerdings war ihr Weg nicht immer einfach. Obwohl sie schon immer wusste, dass sie Malerin werden wollte und viel Kreativität und Talent mitbrachte, „durfte (sie) in München im ersten Lehrjahr keinen Pinsel in die Hand nehmen“. Sie wechselte dann in einen größeren Betrieb, weil sie dachte, da lernt man mehr, „aber mein Chef war ein ‚Grattler‘ und ich musste die ganze Zeit Eimer schleppen und hab nix gelernt.“ Irgendwann reichte es ihr, sie ging zur Baustelle nebenan und schilderte dem dortigen Malermeister ihre Situation. Er verlegte das Bewerbungsgespräch auf das Oktoberfest und stellte sie ein. Da durfte sie erstmals „wirklich ran an die Materie“. Dummerweise musste der Betrieb nach einem Jahr Insolvenz anmelden und Tatjana hatte ihre Ausbildung noch nicht beendet. Weil ihr das frühe Aufstehen und das Pendeln nach München zu viel wurde, suchte sie in ihrer Heimat, der Miesbacher Gegend, einen neuen Ausbildungsbetrieb. Das war ihr Glück, denn bei ihrem nächsten Chef in Warngau lernte sie alte Maler-Techniken, wie Holzimitation, und schloss die Gesellenprüfung mit Bravour ab. „Als Gesellenstück habe ich ein Snowboard mit Marmorierung gemacht,“ erzählt sie. Auch der Chef war von Tatjanas Kreativität begeistert und übernahm sie. Nach einer Weile drängte es Tatjana Blaske allerdings zu neuen Ufern. „Ich habe mir einen etwas expressiveren Betrieb gesucht, doch nach einem Jahr sagte mein neuer Chef zu mir: ‚Tatjana, ich glaube, es ist jetzt besser, wenn du auf die Meisterschule gehst`.“

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Wie Kinder spielerisch Deutsch lernen

Mehr als ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren in Deutschland hat einen Migrationshintergrund.
In Städten wie München sind es sogar über 60 Prozent. Jedes vierte Kind spricht zu Hause kein Deutsch und hat auch im Umfeld wenig Gelegenheit dazu. In den Kindergärten und Schulen fehlt häufig das Personal für eine qualifizierte Sprachförderung, deshalb haben sich in den vergangenen 20 Jahren einige erfolgreiche Sprachlernprogramme für Kinder etabliert

Wenn Marina aus der Ukraine schwärmt: „Ich bin ganz verliebt in HIPPY“, meint sie keine langhaarigen Anhänger der Flower-Power-Bewegung, sondern das Sprachlernprogramm HIPPY (Home Interaction Program for Preschool Youngsters). Es wurde in den 60er-Jahren an der Hebrew University in Jerusalem entwickelt und wird weltweit bei der Frühförderung von Kindern mit Migrationserfahrung eingesetzt. Das Besondere an HIPPY ist, dass auch die Eltern mit ins Boot geholt
werden und spielerisch gemeinsam mit den Kindern tiefer in die
deutsche Sprache einsteigen. So trifft sich Marina an zwei Vormittagen im Monat mit etwa zwölf anderen Müttern – und manchmal auch Vätern – in Berg am Laim. Gemeinsam sprechen sie mit der Sozialpädagogin Beate Wiedmann über die „Hausaufgaben“ der kommenden Woche. Wiedmann ist in München eine HIPPYanerin der ersten Stunde und leitet das Gruppentreffen mit Unterstützung der Elterntrainerin Iman Ali. Heute geht es um das Thema Aussehen und Mobbing.

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Der letzte Umzug

Wenn im Alter die Kräfte schwinden, kann das Leben in der eigenen Wohnung gefährlich werden. Vielen Senioren fällt es jedoch schwer, ihre lieb gewonnenen Dinge und ihre Selbstständigkeit zurückzulassen und ins Pflegeheim zu ziehen. Wir haben mit Menschen in dieser Lebensphase gesprochen

Edeltraud Moser; Foto Olaf Unverzart

Plötzlich ging alles ganz schnell. Edeltraut Moser konnte nach einem schweren Sturz mit Kopfwunde, Oberschenkelhals- und Handgelenkbruch nicht mehr in ihre Wohnung zurückkehren. Noch im Krankenhaus kontaktierte man das Pflegezentrum Obersendling und brachte sie nach der Reha direkt dorthin. Frau Moser ist geschieden, lebte allein und konnte von Glück sagen, dass man sie überhaupt fand. Die Feuerwehr musste ihre Wohnungstür aufbrechen, da hatte sie schon stundenlang blutüberströmt auf dem Fußboden gelegen. Hätte Edeltraut Moser nicht zufällig an diesem Tag einen Arzttermin gehabt, zu dem die Tochter ihrer Cousine sie abholen wollte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Auch vor dem Sturz war es Frau Moser immer schwerer gefallen, sich zu versorgen. Nach drei Infarkten waren Hausarbeit und Einkaufen eine große Belastung für sie. Seit August lebt die 93-Jährige jetzt im Pflegezentrum der Inneren Mission in Obersendling – in einem Doppelzimmer. „Das ist schon eine Umstellung, wenn man über 40 Jahre allein gewohnt hat“, meint sie. Edeltraut Moser steht auf der Warteliste für ein Einzelzimmer. „Das wird sie auch bald bekommen“, versichert ihr Pflegeüberleiter Frank Salziger. Er kümmert sich um die Aufnahme der Patienten und kann nachvollziehen, dass verschiedene Charaktere nicht immer zusammenpassen. Nur musste man für Frau Moser sofort einen Platz finden, denn allein leben ging für sie nicht mehr. Während der Reha war eine gesetzliche Betreuerin für sie bestellt worden, die eine anschließende Unterbringung im Heim veranlasst hatte. Zwar ist Frau Moser völlig klar im Kopf und erzählt blumig aus ihrem Leben, nur fortbewegen kann sie sich ohne Rollator kaum noch. Früher ist sie „stundenlang an der Isar entlangspaziert“. Doch das schafft sie nicht mehr, obwohl der Fluss nicht weit entfernt liegt vom Pflegezentrum in der Baierbrunner Straße.

BACK TO THE ROOTS

Zufällig ist sie jetzt genau an den Ort zurückgekehrt, an dem sie 35 Jahre lang als kaufmännische Angestellte beschäftigt war. Das Pflegezentrum der Inneren Mission steht nämlich auf dem ehemaligen Siemensgelände. Vom Flurfenster aus kann sie das leer stehende Siemenshochhaus sehen und in Erinnerungen schwelgen. Sie erinnert sich an die vielfältigen Aufgaben, die sie im Konzern zu erledigen hatte, und berichtet von Betriebsausflügen und Firmenfeiern. Neben Sekretariat und Vorzimmer betreute sie ausländische Gäste – ganz ohne Englischkenntnisse. „Das bedaure ich sehr, dass ich so schlecht in Fremdsprachen bin, denn ich habe auch drei Neffen in England und Australien, die nur Englisch können, und mit denen kann ich mich gar nicht unterhalten.“ Eigene Kinder hat Edeltraut Moser nicht, aber manchmal besuchen sie die Cousinen und deren Kinder.

ERSATZFAMILIE

Frau Mosers Familie war vor allem Siemens. Von den wenigen Dingen, die sie aus ihrer Wohnung ins Heim mitnehmen konnte, spielen die Alben eine zentrale Rolle. Neben den Fotos und Glückwünschen von Kollegen finden sich dort auch Tuschezeichnungen vom Gelände. Man merkt, wie wichtig Edeltraut Moser ihr Beruf war und wie sehr sie aus den Erinnerungen Kraft zieht. Für sie waren es damals goldene Zeiten, was sich auch in ihrer Rente niederschlägt, denn ohne die Betriebsrente ließe sich ein Umzug in ein Einzelzimmer nicht so ohne Weiteres realisieren.

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Eine Hand stärkt die andere

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Gewerbetreibende in der Ludwigsvorstadt

Birgit Kroner könnte täglich die Wände hochgehen. In ihrer Physiotherapie-Praxis in der Gollierstraße 47 hat sie nämlich eine Kletterwand. An der zeigt sie ihren Patienten, wie Klettern Rücken und Glieder stärkt. Viele Bewohner im Westend und Büroangestellte von der Schwanthaler Höhe kommen in ihre Praxis. „Meine Klienten sind ein Querschnitt durch die Bevölkerung“, stellt Kroner fest und betont, dass es nicht immer nur die Bewegungsmuffel sind, denen irgendwann etwas weh tut, sondern auch die überambitionierten Sportler: „Die fangen nicht mit Walking an, sondern gleich mit Triathlon“. Eine weitere Gruppe, sind Leute wie Silvio Weindinger. Der Metzger hat seinen Laden ein paar Meter von der Physiopraxis entfernt. Silvio Weindinger hat einen anstrengenden Job. Deshalb war er auch schon auf der Liege von Physiotherapeutin Birgit Kroner. Frühmorgens muss er zum Schlachthof. Dort kauft er vor allem Fleisch für seinen kleinen Eckladen, den er seit 20 Jahren gemeinsam mit seiner Frau betreibt. Die beiden stammen aus Thüringen und haben die Metzgerei von einer Tante übernommen. Würste, Leberkäs und Salate für den Imbiss machen sie weitgehend selbst. An Kundschaft – vor allem aus der Genossenschaft und den umliegenden Straßen – mangelt es ihnen nicht. „In diesem Sommer gingen vor allem die eingelegten Steaks sehr gut weg“, schwärmt Silvio Weindinger.

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