Entlassen ins sich selbst überlassen

„Die Regularien für Kurzzeitpflege sind teilweise absurd,“ findet Brigitte S.

Von Gabriele Winter (BISS-Magazin Juni 2018)

„Da ist was gebrochen!“ Das ist Mariannes* erster Gedanke, als sie Anfang Januar mit ihren Krücken am Hauptbahnhof stürzt. Die gehbehinderte Frau ist 70 und lebt allein im Westen von München. In der Notaufnahme der Nussbaumklinik diagnostiziert man tatsächlich einen Armbruch – allerdings einen unkomplizierten. Deshalb wird sie mit einer Armschiene versehen und heimgeschickt. Der behandelnde Arzt antwortet auf ihre Aussage, sie sei zuhause ganz alleine und hätte niemand zur Versorgung, dies sei „die Notaufnahme und kein Sozialdienst“. Drei Wochen lang gelingt es ihr trotz regelmäßigen Anrufen bei Pflegediensten, Bezirkssozialarbeit, der behandelnden Ärztin und deren Sprechstundenhilfen nicht, professionelle pflegerische Hilfe zu erhalten. Der Pflegedienst bei ihr um die Ecke sagt, sie hätten keine Kapazitäten für eine Grundpflege in den kommenden Wochen. Marianne kann mit ihrer Verletzung nicht mehr selbst einkaufen, kochen oder sich waschen. Sie lebt von dem was Nachbarn ihr vorbeibringen und hat damit noch Glück – sie muss nur drei Wochen im gleichen Pullover rumsitzen. Denn viele Menschen werden nach einem immer kürzer werdenden Krankenhausaufenthalt entlassen und haben niemanden.

Seit Oktober 2017 sind Krankenhäuser verpflichtet, wenn nötig, für ihre Patienten eine Kurzzeit- oder Anschlusspflege zu organisieren – allerdings gilt das nicht für ambulant behandelte Patienten. Gleichzeitig müssen die Kliniken sicherstellen, dass die Patienten benötigte Medikamente mitbekommen und von Fachärzten weiterbehandelt werden. Bei der herrschenden Personalknappheit in den Krankenhäusern wird das allerdings oft „vergessen“. Gerade ältere Menschen wissen oft nicht, dass sie auf solche Dienstleistungen Anspruch hätten und selbst wenn die Krankenhäuser alles richtigmachen, findet sich nicht immer ein Kurzzeit-Pflegedienst.

Brigitte S. (67) zum Beispiel wurde im Schwabinger Krankenhaus zwar gefragt, ob sie allein lebe, aber Hoffnung auf professionelle Hilfe hat man ihr nicht gemacht: „Die Schwester sagte, es sei sowieso schwierig, Reha, Haushaltshilfe oder Pflege zu bekommen“, erinnert sich Brigitte. Den Sozialdienst des Schwabinger Krankenhauses bekam sie nicht zu Gesicht. Brigitte war im Dezember beim Joggen gestürzt und hatte sich die Schulter gebrochen. Nach der Operation hatte sie wochenlang immer wieder Schmerzen und konnte den Arm am Anfang kaum bewegen. Auch Brigitte war auf Hilfe beim Waschen und im Haushalt angewiesen. Allerdings ist sie sozial gut vernetzt und bat ihre Freundinnen um Unterstützung. Von ihrer Krankenkasse erfuhr sie dann, dass sie eine ihrer privaten Helferinnen mit 5,25 Euro pro Stunde entschädigen kann. Dafür brauchte sie aber erst eine Bestätigung des Arztes und musste ganz genau aufschlüsseln „wer, wann, wie lange da war“. Hinzu kam noch ein Eigenanteil von fünf Euro pro Tag. Am Schluss waren es 125 Euro, die die Krankenkasse übernahm. Streng genommen sind dabei allerdings pflegerische Leistungen – wozu auch das Waschen gehört – ausgenommen. Nur professionelle Pfleger dürfen solche Leistungen gegen Geld erbringen und bekämen dann auch einen höheren Stundensatz von der Krankenkasse. „Absurd“ findet Brigitte das. „Gerade beim Haarewaschen und Duschen brauchte ich am dringendsten Hilfe“, erzählt sie und fragt sich, wie Leute ohne ausreichende Deutschkenntnisse oder mit geistigen Einschränkungen diesen Wust an Formularen und Anträgen bewältigen.

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Schrauben, die zum Körper passen

Schraubnagel
Fraunhofer.de

Zu Beginn der Skisaison herrscht in der Regel Hochbetrieb in den alpenländischen Unfallkliniken. Einige Patienten haben danach ziemlich viel Metall im Körper. Denn gerade komplizierte Knochenbrüche werden meist mit Schrauben und Platten aus Titan oder Stahl fixiert. Später müssen sie in einer weiteren Operation entfernt werden. Das ist aufwendig und belastend für die Patienten.

Bleiben die Schrauben im Körper, lösen sie bei empfindlichen Menschen Entzündungen oder Allergien aus. Diese Beschwerden könnten bald Geschichte sein: Forscher des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung IFAM haben gemeinsam mit Partnern der Uni-Kliniken Gießen-Marburg und Bonn, sowie der Universität Bremen einen biokeramischen Schraubnagel entwickelt. Der sogenannte „Schragel“ besteht aus Calciumphosphat, das im Wesentlichen der Zusammensetzung der Knochensubstanz entspricht.

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Eine Frau auf der Walz

Theresa Amrehn ist auf der Durchreise. „Das bin ich immer,“ sagt die junge, schmale Frau und lacht. Beim Kaffee im Müllerschen Volksbad-Café erzählt sie von ihren dreieinhalb Jahren auf Wanderschaft als Kirchenmalergesellin. Vieles hat sie in der Zeit als Frau auf der Walz erlebt, und aufgeschrieben. Inzwischen ist sie in Bonn sesshaft geworden und besucht in München ihre Freundin Birgit, eine Schneiderin, die sie bei der Tippelei, wie man die Walz auch nennt, kennengelernt hat.

Zum Stadtbild gehören Gesellinnen auf der Walz noch nicht gerade, aber langsam werden es auch wieder mehr Frauen, die diese jahrhundertealte Tradition ausüben. Seit dem Spätmittelalter wurden junge Handwerker auf die Walz geschickt um neue Fertigkeiten und Kulturen kennenzulernen. Erst danach durften sie in ihrem Fach die Meisterprüfung ablegen. Durch die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts und veränderte Handwerksregeln geriet diese Tradition vor allem bei den Frauen in Vergessenheit. Mittlerweile sind in Deutschland immerhin 10 Prozent der knapp 500 Gesell/innen auf Wanderschaft weiblich – Tendenz steigend. Allerdings gibt es hierzulande nur zwei Schächte, das sind Vereinigungen von verschiedenen Handwerkern auf der Walz, die Frauen aufnehmen. Deswegen sind die meisten Gesellinnen sogenannte Freireisende, wie Theresa Amrehn eine war.

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Tiergestützte Therapie

BISS-Magazin September 2016

Therapeut auf vier Beinen – Tiergestützte Therapie

Ramses trabt nicht. Gefühlte zehnmal hat er meinen Befehl „Tirapp“ geflissentlich ignoriert. Ich probiere es mal mit der Anweisung „Pommes frites“. Bei Martin Pröttel, der mit pferdgestützter Therapie arbeitet, hat das funktioniert. Er hat mir erklärt, dass es nicht so sehr darauf ankommt, was man sagt, sondern welche Entschlossenheit man reinlegt. Etwas verkrampft stehe ich in der Reithalle eines Vaterstettener Pferdehofes, in der linken Hand die Longe, an deren Ende Ramses gemütlich im Kreis geht. In der anderen Hand eine Longierpeitsche, die aussieht wie ein etwas dickerer Faden an einem Stäbchen. „Die ist nur symbolisch“, denke ich und bewege kräftig meinen rechten Arm. Es schnalzt, Ramses und ich erschrecken beide. Doch nicht nur symbolisch! „Oje, hab ich ihn jetzt getroffen?!“ Schlechtes Gewissen macht sich schlagartig breit. Martin Pröttel beruhigt mich: „Das ist schon in Ordnung. Nehmen Sie den Druck raus und konzentrieren Sie sich.“ Ich versuche mich zu sammeln, kündige Ramses an, dass es nach einer halben Runde losgeht mit traben. Noch mal „Tirapp“! Und tatsächlich, er trabt.

Selbstwirksamkeit ist eine der Kompetenzen, die Martin Pröttel seinen Patienten in der tiergestützten Therapie vermitteln will. Und dafür sind Pferde seiner Meinung nach ideal, denn sie „lieben es, die Verantwortung für ihr Pferdeleben abzugeben“. Allerdings müssen sich diejenigen auch als würdig erweisen. Das heißt im konkreten Fall, erst muss ich eine Beziehung zum Pferd aufbauen. Dann muss ich mir über mein Ziel klarwerden und dem Pferd durch Körpersprache und Stimme vermitteln, was ich will. Was bei mir und so manchem Manager mit Führungsdefiziten funktioniert, vermittelt Martin Pröttel auch Menschen mit schwerwiegenderen Problemen. Viele seiner Patienten leiden an Depressionen, Essstörungen oder Traumata durch Einsätze in Kriegsgebieten. Oft haben sie den Boden unter den Füßen verloren. Mit Hilfe von Ramses lernen sie, die Zügel für ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen.

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Fraunhofer-Forschung zu erdbebensicheren Gebäuden

Erdbebensichere Gebäude 

Indonesien, Neuseeland, Italien – das sind nur drei Länder in denen in den vergangenen Monaten die Erde gebebt hat. Eigentlich bebt die Erde ständig irgendwo. Mehr als zwei Milliarden Menschen leben in erdbebengefährdeten Gebieten. Viele von ihnen bewohnen Gebäude, die alles andere als erdbebensicher sind – und bezahlen dafür nicht selten mit ihrem Leben. Dabei gäbe es Materialien und Bauweisen, die Tausende Leben schützen könnten.

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